Liebe Schülerinnen und Schüler der Otto Hahn-Schule,
was für Euch als gemeinsames Lesen des Buches „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter im Deutschunterricht begann, wurde in Eurer Profilklasse zu einer intensiven Projektarbeit, die weit über die Seiten eines Romans hinausgeht. Ihr habt Euch auf eine Zeitreise in die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte eingelassen, um sie dann mit einer Bestandsaufnahme der Gegenwart abzugleichen - in Eurer Schule, in Hamburg, in unserer Gesellschaft.
Dabei konntet Ihr Euch nicht mit der Lektüre begnügen, über die Freundschaft zweier Jungen, bis sich der Schatten des Nationalsozialismus auf den kleinen Juden Friedrich legen. Die neu gelernten Erkenntnisse über den Nationalsozialismus und die unfassbaren Verbrechen gegen die Juden haben Euch so stark motiviert haben, dass Ihr weiter daran arbeiten wolltet. Damit stand Euer Entschluss für das Theaterstück „Nie wieder“ fest. Warum diese Motivation so stark war? Weil Ihr Parallelen gezogen habt zwischen dem Schicksal Friedrichs im Nationalsozialismus und den Entwicklungen in Eurer Zeit: Ausgrenzung, Diskriminierung und rechte Hass-Parolen drohen wieder salonfähig zu werden. Ihr musstet erkennen, dass Geschichte nicht nur etwas ist, das weit weg von Euch in den Büchern steht, sondern unmittelbar wieder erlebbar ist – zum Beispiel mit dem Hitlergruß auf dem eigenen Schulhof. Keine Fiktion, kein dummer Spaß – sondern Realität im Hier und Jetzt.
Mit einer beeindruckenden Eigenständigkeit und Kreativität habt Ihr ein Theaterstück entwickelt, das unter die Haut geht. Dazu gehörten vielfältige Recherchen, Ihr habt Texte geschrieben, Szenen erdacht, Technik und Ton selbst gestaltet und Eure Rollen klar verteilt: Jeder und jede Einzelne war beteiligt, jeder hat Verantwortung übernommen. Was dabei entstanden ist, ist weit mehr als Schultheater - es ist ein unbequemes Mahnmal und ein Appell an uns alle, unsere Sinne zu schärfen: Nie wieder darf so etwas passieren!
Eure Arbeit hat sich gelohnt! Die Aufführung in der Schule war ein voller und schonungsloser Erfolg: Schnell wurde es still unter den zuschauenden Mitschülerinnen, manchmal sogar beklemmend still, weil Ihr den Finger gekonnt in die Wunde legt. Nach der Aufführung wurde noch lange über das Theaterstück gesprochen, das mitunter zu Tränen gerührt, traurig oder wütend gemacht hat – und gleichzeitig Hoffnung geschenkt. Hoffnung darauf, dass Ihr jungen Menschen nicht wegschaut, sondern genau hinseht. Dass Ihr nicht schweigt, sondern Eure Stimme erhebt.
An der bunten Otto-Hahn-Schule, die sich durch viele Herkünfte, Sprachen und Religionen auszeichnet, ist es Euch so gelungen, die die Kultur der Erinnerung mit einer Kultur der Verantwortung zu verbinden. Besonders bewegend ist, dass Ihr das Skript gleich für nachfolgende Klassen aufbereitet habt - als Einstieg in den Unterricht, als Anstoß für Gespräche oder als Warnung.
Liebe Schülerinnen und Schüler, mit Eurem Theaterstück habt Ihr einen Pflock eingeschlagen – für Vielfalt, Respekt und Menschlichkeit. Ihr habt gezeigt, dass jede und jeder von uns etwas verändern kann. Dass es nicht darauf ankommt, woher jemand kommt, wie jemand aussieht oder wen jemand liebt – sondern darauf, dass wir alle Menschen sind und einander mit Würde begegnen.
Ihr seid Vorbilder geworden – für Eure Mitschülerinnen und Mitschüler - und für uns alle.
Im Namen der Jury gratuliere ich Euch zum BERTINI-Preis. Danke für Euren Einsatz und danke für Eure Vehemenz, mit der Ihr unseren Blick schärft!
Nie wieder – das ist Eure Forderung. Und wir alle sind aufgefordert, daran mitzuarbeiten.
Herzlichen Glückwunsch!