Laudatio Bertini Preis 2025
„weil ich NEIN sagte“
Theaterkurse der Jahrgänge 12 und 13 der Stadtteilschule Bramfeld
Liebe Mitwirkende des Stücks „weil ich NEIN sagte“ der Theaterkurse der Jahrgänge 12 und 13 der Stadtteilschule Bramfeld!
Fast jeden Tag fällt eine Frau in Deutschland einem Femizid zum Opfer.
Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen häusliche Gewalt.
Jede dritte Frau wird mindestens einmal im Leben Opfer physischer oder sexueller Gewalt, jede vierte in einer Partnerschaft.
Das sind nüchterne Statistikzahlen, aber hinter jeder stehen Tragödien. Es ist unfassbar, dass Frauen täglich um ihre Sicherheit, ihre Unversehrtheit, um ihr Leben fürchten müssen. Es ist eine Wirklichkeit, mit der Ihr, die dieses Stück mit dem programmatischen Titel „weil ich NEIN sagte“ auf die Bühne gebracht habt, Euch nicht abfinden wollt. Ihr wollt die verschiedenen Facetten der Gewalt beleuchten, sichtbar machen, dafür sensibilisieren und die Stimmen der Betroffenen hörbar machen.
In der Nähe Eurer Schule hat ein besonders widerwärtiger Exzess dieser Gewalt stattgefunden, die Massenvergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens im Stadtpark. Dort ist eigentlich das Erholungsgebiet für Bramfeld, einige der Täter kamen aus der Nachbarschaft. Das muss einfach verstören.
Ihr habt bemerkt, wie sich die Aufmerksamkeit größtenteils auf die Täter richtete, bis hin zu Lynchmord-Drohungen in den sozialen Medien. Ihr habt Euch dagegen gestellt, habt erkannt, dass die Aufmerksamkeit auf die Opfer gerichtet werden muss, dass etwas getan werden muss, um die Gewaltspirale, die sich aus scheinbar harmlosen Anfängen entwickelt, wo immer möglich zu durchbrechen.
Ihr habt erkannt, dass es nicht sein kann, dass ein solch schreckliches Ereignis in der Schule nicht behandelt wird. Ihr habt eine gezielte Haltung entwickelt, Euch zu engagieren. Ihr habt zum „Orange Day“ Spenden gesammelt, und schließlich überlegt, die Öffentlichkeit ebenso wie die Mitschüler und Mitschülerinnen einzubeziehen. „weil ich NEIN sagte“ wurde Euer Medium.
Es berührt sehr, zu sehen, wie intensiv Ihr Euch in das Stück eingebracht habt, wie genau beobachtend Ihr die Charaktere entwickelt habt, mit welcher Leidenschaft die Szenen gespielt sind. Es ist Euch gelungen, das Aufschaukeln der Gewalt und das Leiden daran so darzustellen, dass das Publikum sich wiedererkennen oder sich in die Situationen hineinversetzen kann. So schafft Ihr eine öffentliche Sichtbarkeit für die alltägliche Bedrohung, der so viele Frauen und Mädchen ausgesetzt sind.
Da kann man viel lernen! Gewalt beginnt früh mit kleinen Grenzüberschreitungen, die oft nicht als Beginn einer Tragödie erkannt werden. Ihr appelliert mit Eurem Stück, aufmerksam dafür zu sein, nicht wegzusehen, wenn nötig, einzuschreiten.
Mit Eurem Engagement, mit Eurer klaren Botschaft und Eurer Fähigkeit, durch Euer Theaterstück „weil ich NEIN sagte“ die Probleme nicht nur zu benennen, sondern auch fühl- und erlebbar zu machen, habt Ihr die Jury überzeugt.
Ich gratuliere Euch herzlich zum Bertini-Preis 2025!
Axel Zwingenberger