Aimo Drießelmann (17), Louise Marx (16) und Clara Wolff (17) vom Gymnasium Grootmoor ließen die schrecklichen Schicksale von zehn jüdischen Mädchen und zehn Jungen nicht los. Die fünf- bis zwölfjährigen Kinder aus Holland, Italien, Frankreich und Polen wurden im November 1944 vom Vernichtungslager Auschwitz in das KZ Neuengamme gebracht. Dort nahm der SS-Arzt Kurt Heißmeyer medizinische Experimente an den Kindern vor. „Er wollte ein Mittel gegen Tuberkulose finden. Er hatte das bereits an erwachsenen Kriegsgefangenen ohne Ergebnis getestet. Er machte bei den Kindern weiter, nur um seine Versuchsreihe abschließen zu können", berichtet Clara über die grausamen Menschenversuche. Die Kinder wurden mit Tuberkelbakterien infiziert. Danach wurden die Achsellymphknoten herausoperiert, um sie auf mögliche gebildete Antikörper zu untersuchen. Doch auch hier waren die Tests negativ.
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Alle Kinder bekamen hohes Fieber und wurden sehr schwach. „Das war Anfang des Jahres 1945. Als dann die Truppen der Alliierten nach Hamburg vorrückten, kam aus Berlin der Befehl „die Abteilung Heißmeyer aufzulösen." Man wollte die Menschenversuche vertuschen und deswegen sollten die Kinder umgebracht werden. „Kinder können nicht lügen, darum müssen sie sterben, war die Begründung für die Verbrechen", so Louise.
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Am 20. April wurden die Kinder in eine ausgebombte Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgsort gebracht. Dort bekamen sie Morphiumspritzen, man sagte ihnen, dass sie gegen Tuberkulose geimpft würden. Nachdem die ersten Kinder eingeschlafen waren, holte sie der SS-Unterscharführer Johann Frahm einzeln in einen Nachbarraum des Kellers und erhängte sie dort. Auch 28 Erwachsene starben in dem Gebäude, sie wurden ebenfalls erhängt, unter ihnen waren zwei Pfleger und zwei Mediziner. Sie hatten die Kinder im KZ Neuengamme versorgt.
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Clara, Louise und Aimo hatten sich schon einmal mit den Schicksalen von Kindern im Holocaust beschäftigt. In ihrer Schul-Theatergruppe entstand ein selbst inszeniertes Stück, in dem auch die Morde an den Kindern vom Bullenhuser Damm thematisiert worden waren. Für ihr Stück „Vergesst uns nicht" erhielt die Theatergruppe des Gymnasiums Grootmoor den Bertini-Preis 2007.Â
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Als sie in der 11. Klasse die Aufgabe bekamen, ein selbst gewähltes Thema zu bearbeiten und zu präsentieren, entschieden sich die drei ehemaligen Teilnehmer der Theatergruppe sofort für die Geschichte der unschuldigen Kinder.
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Sie informierten sich in der ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm, die jetzt eine Gedenkstätte ist, und studierten die dort vorhandenen schriftlichen Quellen. „Je mehr wir uns ins Material vertieften, desto näher kamen uns die Kinder, als würden wir sie kennen, das war beklemmend", erzählt Louise. Sehr hilfreich für ihre Recherche war das Buch „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm" von dem Journalisten Günther Schwarberg.
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„Ihm ist zu verdanken, dass wir heute so viel über die Verbrechen wissen und durch seine Veröffentlichung der Geschehnisse haben auch die Angehörigen der Kinder erst von deren Schicksal erfahren", berichtet Aimo. Nachdem der Journalist Hinweise auf die medizinischen Versuche an den Kindern bekam, forschte er nach, suchte nach den Namen der Opfer und deren Herkunftsfamilien und veröffentlichte eine Artikelreihe im „Stern". Daraufhin meldeten sich Angehörige. „Und es meldete sich auch jemand, der den SS-Mediziner Kurt Heißmeyer als den in Magdeburg praktizierenden Facharzt für Lungenkrankheiten erkannte", so Aimo. Heißmeyer wurde 1964 der Prozess gemacht und er wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er starb 1966 im Gefängnis von Bautzen. Johann Frahm war schon 1946 für seine Verbrechen verurteilt und gehängt worden. Nicht alle Schuldigen wurden jedoch belangt.
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„Um an die Kinderschicksale zu erinnern und die Menschen auch nachhaltig anzusprechen und zu berühren, entschieden wir uns für das Mittel des Dokumentarfilms", sagt Louise. „Allerdings mussten wir uns erst einmal Kamera, Aufnahmegerät und ein Programm zum Filmschneiden besorgen und lernen, wie man damit umgeht", ergänzt Clara. Aber das schreckte die Jugendlichen nicht ab.
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Für den 20-minütigen Film schrieben die Schüler ein Skript und drehten einen großen Teil der Aufnahmen in der Gedenkstätte am Bullenhuser Damm. Chronologisch erzählen sie die Geschichte der Kinder, zeigen ihre Fotos und streuen aus schriftlichem Material Zitate zwischen die einzelnen Szenen. „Die Kinderzitate hat mein kleiner Bruder gelesen, seine Kinderstimme hat die Ereignisse noch authentischer gemacht", berichtet Clara. Im Abspann werden alle 20 Kinder namentlich genannt. Sechs Monate haben die Schüler an ihrem Film gearbeitet, kleine Katastrophen wie Computerabstürze machten das Projekt bis zum letzten Augenblick aufregend. Im Sommer 2008 konnten sie den fertigen Film schließlich ihren Mitschülerinnen und Mitschülern präsentieren.
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„Alle waren hinterher sehr betroffen, es war einen Moment lang sehr ruhig, obwohl wir sonst eine eher laute Klasse sind", beschreibt Aimo die Atmosphäre nach der Aufführung. Die drei Schüler zeigten den Dokumentar-Film auch in weiteren 10. Klassen ihrer Schule und wollen ihn auch anderen Schulen zur Verfügung stellen. „Das ist uns sehr wichtig", sagt Aimo, „wir möchten mit unserem Film erreichen, dass das unfassbare Leiden und Schicksal der Kinder im Gedächtnis bleibt."