Guantánamo - Hölle auf Erden

Der Kursus Darstellendes Spiel des Jahrgangs 12 der Gesamtschule Bergedorf befasste sich mit dem Lager Guantánamo auf Kuba und den dortigen Menschenrechtsverletzungen. Die 24 Schülerinnen und Schüler erarbeiteten dazu ein aufrührendes Theaterstück.

Guantánamo - Hölle auf ErdenAls die Idee im Raum stand, ein Stück über Menschenrechtsverletzungen im Lager Guantánamo auf Kuba auf die Bühne zu bringen, waren einige Schüler des Kurses Darstellendes Spiel in der Gesamtschule Bergedorf eher skeptisch. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir die brutale Gewalt und Folter, die im Lager herrschten, überhaupt ernsthaft darstellen können", sagt Schülerin Deborah Pergande (19) von der Gesamtschule Bergedorf.

                       

Das Gefangenenlager Guantánamo auf dem us-amerikanischen Militärstützpunkt an der Südspitze Kubas war nach den Anschlägen vom 11. September 2001 errichtet worden, um mutmaßliche Al-Quaida- und Taliban-Terroristen zu inhaftieren. Dass die Inhaftierungen ohne Gerichtsurteile erfolgten und die Insassen keinen Status als Kriegsgefangene haben, wird von Kritikern als Verstoß gegen Völkerrecht und Menschenrechte bewertet. Zudem mehrten sich die Vorwürfe der Folter. Brutale Verhörmethoden und schlimmste Haftbedingungen wurden unter anderem vom Internationalen Roten Kreuz 2004 in einem vertraulichen Bericht an die damalige amerikanische Regierung unter George W. Bush angeprangert. Die Kritik wurde auch von mittlerweile wieder freigelassenen Insassen bestätigt, die unschuldig mehrere Jahre im Lager gesessen hatten. Dazu zählt auch der in Bremen geborene türkisch-stämmige Murat Kurnaz. Er war fünf Jahre lang im Gefangenenlager Guantánamo eingesperrt und 2006 entlassen worden. In seinem Buch „Fünf Jahre meines Lebens" schildert er seine erschütternden Erlebnisse in der Haft.

                       

Die 24 Schülerinnen und Schüler des Kurses befassten sich intensiv mit der Geschichte von Murat Kurnaz. „Es war so krass, das zu lesen. Die Gefangenen wurden wie Tiere im Käfig gehalten, und waren körperlicher und psychischer Folter ausgesetzt.", schildert Rosa Müllenmeister (19). Die Schülerinnen und Schüler trugen auch weitere Fakten zu Guantánamo zusammen und arbeiteten über das Thema Menschenrechte. „Wir fanden es schockierend, dass in den Medien kaum über diese schweren Verletzungen der Menschenrechte im Lager berichtet wurde", berichtet Anne Kathrin Langeloh (18). Das motivierte den Kursus schließlich, das Thema mit einem eigenen Theaterstück zumindest an die Schul-Öffentlichkeit zu bringen.

                       

Das Stück „Guantánamo - Hölle auf Erden" besteht aus mehreren Abschnitten. In die zu Beginn dargestellte Spaßgesellschaft platzt am 11. September 2001 die Nachricht von den Terrorangriffen auf die USA. Die Schüler zeigen, wie die Medien die Nachricht präsentieren und auch ausschlachten, wie verschiedene Politiker darauf reagieren und welches negative Klima sich in dieser Zeit auch gegen Menschen muslimischen Glaubens aufbaut. Sie gehen darauf ein, wie es zu Murat Kurnaz Verhaftung kam.

                       

Guantánamo - Hölle auf ErdenEr war nach Pakistan gereist, um mehr über seinen Glauben, den Islam, zu erfahren. Als Terrorist wurde er verhaftet, weil ihn vermutlich jemand denunziert hatte, um das für vermeintliche Terroristen ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. „Solche Fälle wurden auch von Engländern bekannt, die nur beschuldigt worden waren, weil das Geld lockte und die Beschuldigten zufällig der Religion der Terroristen angehörten", berichtet Jascha Koetting (19).

                        

Im Hauptteil des Stücks geht es dann um den „Eintritt in die Hölle", die Situation der Gefangenen im Lager. „Wir haben uns lange überlegt, wie wir die Folterszenen darstellen, so dass sie überzeugend wirken und nicht lächerlich", erzählt Rosa. Die jungen Theatermacher setzten Musik und Licht so geschickt ein, dass die bedrohliche Atmosphäre nachvollziehbar wurde. „Wir wollten auch kein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen und haben zum Beispiel die amerikanischen Soldaten als Menschen dargestellt, die unter bestimmten Einflüssen handeln", ergänzt Jascha.

                       

Anfang Juni wurde das eineinhalbstündige Stück erstmals in der Gesamtschule Bergedorf aufgeführt. Bis zuletzt waren die Schülerinnen und Schüler unsicher, ob es ihnen gelingt, den drastischen Inhalt glaubhaft darstellen zu können. Doch der Erfolg sprach für sich. „Die Premiere war toll. Die Zuschauer waren zutiefst berührt", erinnert sich Deborah. „Und von vielen haben wir gehört, dass sie verblüfft waren, wie wenig sie darüber wussten", so Anne Kathrin. Die Darsteller beschlossen einen politischen Aktionstag an der Schule zu organisieren und das Stück tagsüber noch einmal für Schüler und abends für Lehrer und Eltern aufzuführen. „Dieses Engagement hat auch mich überrascht und gefreut", erzählt Lehrer und Kursleiter Lambert Schulze, der die Vorstellungen mit dem Kurs erarbeitet hatte. Auf anschließenden Diskussionsveranstaltungen gab es ebenfalls viele Fragen und positive Kritik „auch von muslimischen Schülern, die es gut fanden, dass wir so differenziert mit dem Thema umgegangen sind", sagt Jascha.

                       

„Unser Ziel war es, die Verletzung der Menschenrechte in Guantánamo nicht zu verschweigen, sondern darüber zu reden, was dort passiert", erklärt Rosa. Das hat der Kursus an seiner Schule erreicht. Als die Schülerinnen und Schüler von der Auszeichnung mit dem Bertini-Preis erfuhren, war die Überraschung und Freude riesengroß, denn sie wussten bis dahin nicht, dass ein Lehrer sie für diese Auszeichnung vorgeschlagen hatte. Was Guantánamo betrifft, liegt alle Hoffnung des Kurses auf dem neuen amerikanischen Präsidenten. Barack Obama hat inzwischen angekündigt, das Lager zu schließen.