Die Kindertransporte

Viele jüdische Kinder entkamen Nazi-Deutschland nur ohne ihre Eltern. Um ihre Kinder zu retten, schickten Eltern sie mit den so genannten Kindertransporten allein nach England. Acht Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Lerchenfeld wollten mehr über die Transporte erfahren. Sie suchten nach Zeitzeugen und drehten mit ihnen einen Film.

„Wer fährt nach England?“ ... lautet der Titel eines 45-minütigen Films, den acht Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Lerchenfeld drehten über die sogenannten „Kindertransporte“ in den Jahren 1938 und 1939. In dem Film berichten fünf Zeitzeugen, die als Kinder von ihren Eltern aus Nazi-Deutschland nach England geschickt werden konnten, von ihren Lebensgeschichten. Mit den Kindertransporten waren rund 10 .000 vorwiegend jüdische Kinder ohne Eltern entkommen. Der eindrucksvolle Film wurde inzwischen im Rahmen der „Nacht der Jugend“ im Hamburger Rathaus sowie im Körberforum gezeigt. Urkunden und Scheck übergab Hans-Juergen Fink vom „Hamburger Abendblatt“.In den beiden Jahren 1938 und 1939 entkamen rund 10.000 jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland durch die so genannten Kindertransporte. Organisiert wurden die Transporte nach England per Bahn und Schiff von jüdischen Gruppen. England hatte sich bereit erklärt, die Kinder aufzunehmen und bei einheimischen Familien unterzubringen. „Es waren alle Altersgruppen von Kleinkindern bis zu Jugendlichen darunter. Sie verließen ihre Heimat ohne ihre Familien, viele sahen ihre Eltern nie wieder", erzählt Katharina Bochtler (19). Die ehemalige Schülerin des Gymnasiums Lerchenfeld hatte sich 2006 mit sieben weiteren Schülerinnen und Schülern aus dem Geschichts- Leistungskurs zu einem Projekt mit dem Thema Exil zusammengetan. Es entstand auf Einladung der Hamburger Herbert-Weichmann-Stiftung. Die damaligen Zwölftklässler wollten die wenig bekannte Geschichte der Kindertransporte in einem Film darstellen.

„Es sollten Zeitzeugen sprechen, Menschen, die als Kinder durch die Transporte gerettet worden waren", beschreibt Katharina Bochtler ihr Projekt. Um sich einzuarbeiten, wälzten die Schülerinnen und Schüler Literatur zum Thema und sahen den mit einem Oskar prämierten Dokumentarfilm: „Kindertransport - Into the arms of strangers". Unterstützt wurde die Gruppe von ihrem Geschichtslehrer Jürgen Pannecke. „Sie mussten für ihr Projekt zunächst den Umgang mit Kamera und Ton lernen. Ihre Arbeit leisteten sie ganz unabhängig vom Unterricht in ihrer Freizeit", lobt der Lehrer das Engagement seiner Schülerinnen und Schüler. In einem speziellen Workshop befassten sich die Jugendlichen mit unterschiedlichen Interviewtechniken. „Wir haben uns erstmal gegenseitig interviewt, um die Situation zu üben", erinnert die ehemalige Schülerin und heutige Studentin Ulrike Bessel (20). Die Interviews sollten mit offenen Fragestellungen beginnen, die es dem Interviewten ermöglichen, seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen. Anschließend fragten die Schülerinnen und Schüler gezielt nach.

Insgesamt sprach die Gruppe mit fünf Zeitzeugen. Zwei Zeitzeugen, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt waren, trafen sie in Hamburg. „In London hatten wir einen Termin mit Paul Cohn abgemacht, doch kurz vor unserer geplanten Reise zu ihm ist er leider verstorben", berichtet Katharina Bochtler. Über die „Association of Jewish Refugees" in London erhielt die Schülergruppe Kontakte zu Bertha Leverton, Lottie Stenham und Hermann Hirschberger. Im Mai 2006 reisten einige Schülerinnen und Schüler nach London, um mit ihnen Interviews zu führen. „Unsere Gesprächspartner haben uns jeweils zu sich nach Hause eingeladen und erstaunlich offen ihre persönlichen Geschichten erzählt", so Ulrike Bessel. Sie erzählten von den Transporten, die heimlich als Nacht- und Nebelaktionen abliefen und von den Erlebnissen im Auffanglager und in den neuen Familien. „Die Erfahrungen waren nicht nur gut, manche wurden als Dienstmädchen ausgenutzt", fand Ulrike Bessel heraus. Alle Zeitzeugen sprachen noch Deutsch, obwohl sie sich inzwischen mehr als Engländer fühlten. Auch die Gespräche in Hamburg verliefen gut. „Trotz des großen Altersunterschiedes, alle waren Anfang 80, herrschte bei den Begegnungen sofort eine herzliche Atmosphäre", erzählt Katharina Bochtler. Am Ende hatte die Gruppe 18 Stunden Filmmaterial gesammelt, das auf eine Filmlänge von 45 Minuten gebracht werden musste. „Das Schneiden war echt anstrengend, tausendmal haben wir manche Sätze gehört, um den richtigen Schnitt zu finden", berichtet Ulrike Bessel. Die Schülergruppe gliederte das Material in fünf Teile: nach einer kurzen Einführung berichten die Zeitzeugen über ihre Kindheit, den Transport, die Zeit in England und geben eine Bewertung aus heutiger Sicht. Der Gruppe gelang es, die Zeitzeugen in einer Abfolge erzählen zu lassen, bei der sich die Interviews aneinanderfügen.

Die Schülerinnen und Schüler zeigten ihr Werk mit dem Titel: „Wer fährt nach England? Erinnerung an die Kindertransporte 1938/39" an ihrer Schule, im Körber-Forum sowie während der „Nacht der Jugend" im Rathaus. Die Reaktionen auf ihre Arbeit waren sehr positiv. „Das ist ja ein echter Film, haben unsere Freunde gesagt", erinnert sich Katharina Bochtler. Die Mitglieder der Projektgruppe empfanden ihre Arbeit als persönliche Bereicherung. „Man erlebt Geschichte anders, wenn man mit betroffenen Menschen darüber spricht, als wenn man nur darüber liest", beschreibt Katharina Bochtler ihre Eindrücke. Und ihre ehemalige Mitschülerin Ulrike Bessel ergänzt: „Ich habe auch jetzt noch regelmäßig Kontakt zu einem Zeitzeugen und interessiere mich noch weiter für die Geschichte."