Ein Spielplatz für Bosnien

Es waren die Videoaufnahmen ihres Klassenkameraden Samir Kahric, die 29 Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Stellingen motivierten. Sie starteten ein Hilfsprogamm für Kinder in Bosnien.

Samir Kahric (13) stammt aus Sibenica, einem kleinen Bergdorf in Bosnien-Herzegowina. Durch den Krieg wurden er und seine Familie aus ihrer Heimat vertrieben. Seitdem lebt Samir in Hamburg und geht mittlerweile in die Klasse 7c der Gesamtschule Stellingen. In den Weihnachtsferien 2003, zehn Jahre nach dem offiziellen Kriegsende in Bosnien-Herzegowina, besuchte Samir mit seiner Mutter sein Heimatdorf. Um seinen Schulkameraden zu zeigen, wie es dort aussieht, nahm er die schuleigene Videokamera mit und filmte sein Dorf. "Viele Häuser waren vom Krieg noch beschädigt, Fenster und Dächer noch nicht repariert", berichtet Samir. Auch in der Berta-Kucera-Schule des Dorfes mangelte es an allem, was zum Lernen wichtig ist: von Heften bis zu Tischen und Stühlen. Samir filmte den Unterricht und traf auf wissbegierige Schüler. Ein Schulaufsichtsbeamter gab Samir schließlich ein Schreiben mit, in dem er um Hilfen für die Schule bat. Als Samir das seiner Klasse vorlegte, war allen klar: "Wir wollen helfen", erinnert sich Sarah Goldammer (13). Unterstützt von den Lehrern Cläre Bordes und Christian Berndt, startete die Klasse 2003 ihre erste Hilfsaktion. Die damaligen Fünftklässler nahmen per Brief Kontakt zu den bosnischen Schülerinnen und Schülern auf. Samir Kahric und Ivona Grgic (13), eine Mitschülerin, die ebenfalls aus Bosnien stammt, übersetzten die Post. Die Schülerinnen und Schüler sammelten zusätzlich Informationen und gestalteten eine Plakatwand mit Texten und Fotos über Sibenica. Sie organisierten einen Stand in der Osterstraße, an dem sie die Info-Wand aufstellten und mit einem selbst verfassten Flyer zu Geld- und Sachspenden für Bosnien aufriefen. "Wir haben im Werkunterricht auch Glücksbringer-Amulette aus Emaille gebastelt und sie verkauft, um Geld zu sammeln", erzählt Sandra Thorn (13). Die Schülerinnen und Schüler waren erfolgreich: Sie sammelten 700 Euro, und mit Spenden kamen schließlich insgesamt 7000 Euro zusammen. Auch andere Schulen beteiligten sich an der Aktion und spendeten Schulmaterialien. Weitere Sachspenden stapelten sich mittlerweile vor dem Lehrerzimmer. "Tagelang kamen Säcke voll mit Kleidung und Spielsachen, und wir haben sie in Kartons umgepackt", erinnert sich Sarah. Geld und Sachspenden wurden dann im Sommer 2003 mit Hilfe des THW Ortsverbands Bergedorf auf zwei Lkw nach Bosnien gebracht. Außer den vier THW-Mitarbeitern fuhren drei Lehrer und Samirs Vater mit. Die Klasse konnte sich anhand von dort gemachten Fotos anschließend von der Freude der Menschen über die Spenden überzeugen. Bereits 2003 bekamen die Schülerinnen und Schüler für ihr Projekt eine Anerkennungsurkunde vom Kuratorium des BERTINI-PREISES verliehen.

                          
Doch ihre Aktion ging weiter. "Wir haben gesehen, dass es in Sibenica keinen Spielplatz gibt", erzählt Samir. "Das Gelände rund um die Schule ist noch vom Krieg zerstört, und die Kinder durch die Erlebnisse traumatisiert. Mit einem Spielplatz wollten wir ihre Trauer etwas lindern", erklärt Lehrerin Cläre Bordes den Ansporn ihrer Schülerinnen und Schüler. So sammelten sie weiter, und im Sommer 2004 ging es erneut nach Bosnien. Diesmal kamen vier Schüler des Gymnasiums Corveystraße mit. Sie halfen beim Aufbau des Spielplatzes in Sibenica und überbrachten dem Jugendzentrum im Nachbarort Jajce mehrere Sägemaschinen. Auch Samir war dabei und übersetzte fleißig. So wie er sind auch seine Klassenkameraden mit dem Projekt "ein Stück größer geworden", berichtet Lehrerin Cläre Bordes. Die Klassengemeinschaft mit Schülerinnen und Schülern aus Sri Lanka, Pakistan, Iran, Türkei, Afghanistan und Bosnien ist zusammengewachsen. "Hier gibt es eine gute Gemeinschaft und keiner wird geärgert, auch wenn er noch nicht so gut Deutsch kann", beschreibt Sarah die Situation in der Klasse.

           

Sie möchte gerne bei der nächsten Fahrt nach Sibenica dabei sein, denn im Sommer 2005 plant die Gesamtschule eine weitere Reise, um in dem Dorf zu helfen. "Ich möchte die Menschen kennen lernen und die schöne Landschaft und die Wasserfälle sehen", erzählt Sarah. Auch ein Teil des BERTINI-PREIS-Geldes wollen die Kinder für Bosnien spenden. Die Klassenkameraden werden den Kontakt zur Berta-Kucera-Schule aufrechterhalten und sich weiter engagieren. Denise Rasmussen (14) erklärt, warum: "Es ist eine große Freude, anderen zu helfen."