Austrag aus dem Klassenbuch

Was geschah am Gymnasium Alstertal und im Stadtteil Fuhlsbüttel während der NS-Zeit? 21 Schülerinnen und Schüler wollten es wissen und begaben sich auf Spurensuche.

Im Mitteilungsbuch des Gymnasiums Alstertal fehlen etliche Seiten aus dem Zeitraum 1933 bis 1945. Sie waren herausgetrennt worden. Ein Hinweis darauf, dass die Schule etwas zu verbergen hatte? Und was geschah damals im Stadtteil Fuhlsbüttel? Schon einmal beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Alstertal mit diesen Fragen. Sie stießen auf Spuren von Unrecht und Verbrechen in ihrem Stadtteil durch die Nazis - und auf Vergessen und Verdrängen. Um an die Geschehnisse zu erinnern, gestalteten sie für die St.-Lukas-Kirche eine Gedenkwand mit 25 Tonkacheln. Für ihr Engagement gegen das Vergessen erhielten sie den BERTINI-PREIS 2001.

          
Jetzt machte sich der Grundkurs "Bildende Kunst" des Gymnasiums Alstertal daran, die Ergebnisse zu vervollständigen. In sieben Schritten setzten sich 21 Oberstufenschülerinnen und -schüler mit den Einflüssen und Auswirkungen des Nationalsozialismus in ihrem Stadtteil auseinander. Erster Anknüpfungspunkt: die Lücke in der Schulchronik. Mit Kursleiter Gerhard Brockmann suchten sie im Schularchiv nach Dokumenten, die ihnen Einblick in die Geschehnisse an der Schule "unter dem Hakenkreuz" geben konnten. "Wir sahen die Mitteilungen der Schulbehörde und Klausuren aus der Zeit durch", erzählt Lena Rogge (18). Die Schülerinnen und Schüler fanden brisantes Material: Lehrer wurden aufgefordert, judenfeindliche Sprüche für die Parteizeitung "Der Stürmer" zu sammeln. Schüler wurden zum Dienst am Flakgeschütz auf dem Schuldach eingeteilt. Die Hitlerjugend holte Schüler aus dem Unterricht, ohne dass Lehrer das verhindern konnten. "Wir werden diese Materialien noch weiter auswerten, aber es zeigt sich bereits der große Einfluss der Partei in der Schule", berichtet Kunstlehrer Gerhard Brockmann. Die Nazi-Ideologie wurde auch zum Gegenstand von Prüfungsklausuren. "In einem Abiturthema ging es zum Beispiel um deutsche Expansionspläne", so Max Neumann (18). Ihre Erkenntnisse finden Eingang in eine Dokumentation, die in Form von Plakat- und Infowänden als Dauerausstellung entstehen soll.

             
Doch mit ihrem Projekt wollten die Schülerinnen und Schüler nicht nur Ereignisse in ihrer Schule, sondern auch im Stadtteil aufdecken und einer größeren Öffentlichkeit vermitteln. So luden sie den Zeitzeugen Ivar Buterfas an ihre Schule ein und gestalteten die Veranstaltung mit einer szenischen Lesung. Mit der Beteiligung an der Verlegung von "Stolpersteinen" erinnerten sie an das Schicksal von 38 Juden aus Fuhlsbüttel, die von den Nazis ermordet worden waren. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig - kleine Messingtafeln, die im Bürgersteig verlegt werden - erinnern bereits in vielen Städten an die Ermordeten des NS-Regimes. "Wir verfassten Spendenaufrufe, stellten Sammelbüchsen in Geschäften auf und organisierten einen Flohmarkt, um Geld für die 38 Stolpersteine zu sammeln", erzählt Daniel.

               
Neben Ivar Buterfas befragten die Schülerinnen und Schüler weitere Zeitzeugen. Eine frühere Nachbarin des ehemaligen Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, des so genannten KoLaFu, berichtete ihnen, was sie an Misshandlung der dortigen Gefangenen mitbekommen hatte. Der Zeitzeuge Rainer Schulenberg überließ ihnen das Tagebuch seines Bruders. Darin schildert der damalige Schüler seinen Alltag. "Er schrieb zum Beispiel über den enormen Druck, zur Hitler-Jugend gehen zu müssen", berichtet Nora. Von der Zeitzeugin Gesa Schneider erfuhren sie etwas über Erna Stahl, der ersten Schulleiterin des Gymnasiums Alstertal nach dem Krieg. Die couragierte Lehrerin hatte während des NS-Regimes einen Lesekreis gegründet, aus dem später der Hamburger Zweig der Weißen Rose hervorging. Zu ihm gehörte auch Margaretha Rothe, die als Schülerin und Studentin im Widerstand aktiv war, von der Gestapo verhaftet wurde und in der Haft umkam.

                  
Die Schülerinnen und Schüler suchten auf dem Friedhof Ohlsdorf die Grabstätten der beiden Frauen und entschlossen sich, im "Garten der Frauen" einen Gedenkstein anzubringen. "Mit einem Teil unseres Preisgeldes werden wir uns an den Kosten des Gedenksteins beteiligen und die Tafel für den Stein gestalten", so Anna Puck (17).

                 
Noch während ihr Projekt "Spurensuche" andauerte, bekamen die Schülerinnen und Schüler mit, dass Rechtsradikale CD's mit Ausländerhetze an Schulen verteilten. "Wir wollten etwas dagegen tun und verfassten einen Flyer, um vor allem jüngere Schüler aufzuklären", berichtet Lena Rogge.

               
Damit deckten die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Alstertal nicht nur Spuren vergangenen Unrechts auf, sondern zeigten auch das Fortwirken des nationalsozialistischen Ungeistes in der Gegenwart auf.