An der staatlich anerkannten Sophie-Barat-Schule, einem Gymnasium in katholischer Trägerschaft, gibt es seit 2000 die Schülerzeitung „Sophies Welt". Betreut wird sie von einem Beratungslehrer. Im Schuljahr 2003/04 kam es erstmals zum Konflikt zwischen den Schülerzeitungsredakteuren und dem Lehrer. Er mischte sich inhaltlich ein, wollte die Textauswahl bestimmen. Der Streit eskalierte. „Es ging zuletzt um einen Artikel, der stilistisch nicht gut geschrieben war und den wir deshalb nicht drucken wollten", erinnert sich der damalige Chefredakteur der Schülerzeitung, Nico Semsrott (20). Der Beratungslehrer forderte jedoch, den Artikel mit aufzunehmen. Damit die Zeitung erscheinen konnte, gaben die Schülerinnen und Schüler nach. Doch viele von ihnen zogen aus der Bevormundung ihre Konsequenzen.
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Nico gründete mit seinem Bruder Arne (17) und weiteren Schülerinnen und Schülern eine neue Zeitung. „Wir wollten unabhängig arbeiten, so wie an staatlichen Schulen auch", erklärt Nico. Die jungen Zeitungsmacher erstellten ein Konzept und präsentierten es der Schulleiterin Schwester Angelika Podlesch. „Die Schulleiterin fand das Konzept in Ordnung, stellte aber die Bedingung, dass ein betreuender Lehrer dabei sein müsse", berichtet Arne. Damit waren die Redakteure zunächst nicht einverstanden. Schließlich unterliegen Schülerzeitungen nach dem Hamburgischen Schulgesetz keiner Zensur. Das gilt jedoch nur für staatliche Schulen.
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Nach weiteren Gesprächen mit der Schulleiterin kam man zum Kompromiss: Die Schüler durften den Betreuungslehrer selber wählen. „Sophies Unterwelt" sollte im Wechsel mit der schon eingeführten „Sophies Welt" erscheinen. Nach weiteren Verhandlungen nahm die Rektorin ihr Einverständnis jedoch zurück und verbot den Verkauf des Blattes an der Schule. Sie verdeutlichte die Konsequenzen bis hin zum Schulverweis, sollte das Heft dennoch erscheinen.
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Die Schülerinnen und Schüler ließen sich nicht einschüchtern. Sie trafen sich weiter zu Redaktionskonferenzen und erstellten insgesamt drei Ausgaben. Die erste Nummer von „Sophies Unterwelt" erschien im November 2004. „Die Reaktionen darauf waren sehr positiv, auch von vielen Lehrern", erinnert sich Nico. Und bei einem Wettbewerb der Hamburger Schülerzeitungen gewann die Zeitung sogar einen ersten Preis. Erst nach dieser öffentlichen Anerkennung durfte das Blatt auch auf dem Schulgelände verkauft werden. Das galt jedoch nicht für die folgenden Ausgaben. Ihr Erscheinen wurde nicht unterstützt, die Arbeit der Redakteure behindert: Lehrer zogen bereits gegebene Interviews zurück, die Redaktionstreffen durften nicht mehr in der Schule stattfinden, der Architekt der Schulkantine durfte nicht interviewt werden. „Der Druck war schon stark, wir wussten gar nicht, was wir noch machen durften", berichtet Philipp Lagoda (20), der ab der zweiten Ausgabe dabei war. Trotzdem produzierten die Blattmacher im April 2005 eine zweite und im Juni 2005 eine dritte Ausgabe.
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Um ihre Leser zu erreichen - die Zeitung hatte eine Auflage von 400 Exemplaren - warben die Schülerinnen und Schüler auf originelle Weise. Besonders für die dritte Nummer von „Sophies Unterwelt" hatten sie eine spektakuläre Idee. Nach dem Motto "Illegal? Scheißegal!" mieteten sie für drei Tage ein Dixi-Klo und nutzten es vor der Schule als Zeitungskiosk. Die Medien berichteten darüber und der Fall beeinflusste auch die neue katholische Rahmenschulordnung vom Sommer 2005. Hier wird in Paragraph 11 nun ausdrücklich festgeschrieben, „dass eine Schülerzeitung zur Kontrolle vorgelegt werden muss", berichtet Nico.
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Für die Nachwuchsjournalisten ist das unverständlich. Sie sehen die Schülerzeitung als eine Plattform für lebendige Demokratie. „Wann soll man Demokratie einüben, wenn nicht in der Schule?", fragtt Nico. Er setzt sich weiter für die Pressefreiheit ein und hat eine Petition gegen die Zensur an konfessionellen Schulen verfasst (im Internet unter sophiesunterwelt.de). „Sophies Unterwelt" soll weiter erscheinen. Derzeit arbeiten noch drei Schüler daran. Nico hat sein Abitur gemacht und Arne die Schule gewechselt. Sie haben aus der Erfahrung gelernt. „Man wird sich seiner Rechte bewusst", so Nico. Um Demokratie auch woanders zu ermöglichen, haben sie ihr BERTINI-Preisgeld gleich nach der Preisverleihung für ‚Reporter ohne Grenzen' gestiftet.
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"Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."
(Artikel 5, Absatz 1 Grundgesetz)