Gegen Gewalt in der Schule

An ihren orangefarbenen Westen sind sie zu erkennen: die "Peer-Educator" oder Schülerhelfer der Ernst-Henning-Schule in Bergedorf. Sie helfen ihren Mitschülern bei Konflikten in der Schule und zu Hause.

Wenn es Streit gibt an der Integrierten Haupt- und Realschule im Osten Bergedorfs, kommen die orange gekleideten Schülerinnen und Schüler zum Einsatz: Sie helfen, Konflikte zu lösen und Gewalt auf dem Schulhof zu verhindern. Aufgeteilt in kleinen Gruppen, schlendern sie in den Pausen über das Schulgelände und achten darauf, ob sich andere Schüler beschimpfen, sich schubsen oder sogar prügeln. Dann schauen die „Peers" nicht weg, sondern mischen sich ein.

               

Die Fälle sind nicht immer spektakulär. „Neulich kamen einige jüngere Schüler auf uns zu, ein älterer Schüler hatte ihnen den Ball abgenommen, wollte selber spielen. Wir haben mit ihm geredet, und er gab den Ball wieder zurück", erzählt Peer-Educator Yusuf Ileri (15). „Ein anderer Junge war aggressiv, schmiss dauernd Schneebälle gegen die Fenster, da haben wir ihn angesprochen", berichtet Kathi Knüttel (15). Manchmal hilft es aber auch schon, einfach zuzuhören und auf andere zuzugehen, bevor eine Situation eskaliert.

                  

Die Ernst-Henning-Schule, zu der neben der Haupt- und Realschule auch eine Grundschule gehört, wird insgesamt von 700 Schülerinnen und Schülern besucht. Seit 1999 läuft hier das Peer-Educator-Programm. Es richtet sich vor allem an Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klassen, sie können das Projekt als Kurs wählen. „Peer kann etwa übersetzt werden mit einer Person, die sich mit einer anderen auf gleicher Ebene befindet und so auch mit ihr sprechen kann", erläutert der stellvertretende Schulleiter Helmut Becker. Ein Prinzip, das sich in der Schule bewährt. „Viele Kinder kommen von sich aus auf uns zu. Sie sprechen lieber mit uns als mit den Lehrkräften", berichtet Kathi.

           

Bevor die Peer-Educator in Aktion treten, absolvieren sie in der 8. Klasse eine richtige Ausbildung. Einmal pro Woche treffen sie sich mit den betreuenden Lehrern für eine Doppelstunde. Sie erfahren, wie es zur Gewalt kommt und wie sich Sucht und Drogenkonsum auswirken können. Sie lernen, wie sie in schwierigen Situationen die Übersicht behalten und einen Streit schlichten können, und üben das in Rollenspielen.

                 

„Um zu schlichten, muss man erst einmal Vertrauen aufbauen und selber keine Emotionen einbringen", erklärt Mustafa Özenc (15). Dazu hören sich die Peers die unterschiedlichen Meinungen und Sichtweisen an, fragen nach, zwingen aber keine Lösung auf. „Die müssen die Streitenden selber finden", sagt Mustafa - eine Aufgabe, die zuweilen viel Geduld fordert. „Es macht mir Spaß anderen zu helfen", beschreibt Yusuf seine Motivation.

            

Die Peers sind nicht nur für Rangeleien auf dem Schulhof zuständig. Sie sind auch Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler, die Ärger mit ihren Eltern haben, sie setzen sich in Schulkonferenzen für Verbesserungen in der Schule ein oder vertreten die Interessen von Schülerinnen und Schülern im Schülerrat. „So lernen sie soziale Kompetenz und Verantwortung zu übernehmen, sie bekommen eine Vorbildfunktion für andere, bleiben dabei aber ganz normale Menschen, die auch mal Fehler machen", berichtet Helmut Becker. Das Projekt ist erfolgreich, die Atmosphäre in der Schule ist friedlicher geworden. „Es gibt nicht mehr so viele Schlägereien in der Pause", findet Kathi. „Und die jüngeren Schülerinnen und Schüler fühlen sich sicherer, weil sie uns ansprechen können", ergänzt Yusuf.

              

Auch den Peers selber hat das Projekt etwas gebracht. „Man wird selbstbewusster", meint Mustafa. Und auch Kathi hat ihre eigene Zufriedenheit mehr zu schätzen gelernt, „seit ich mitbekommen habe, was andere für ein schweres Leben haben". Dass ihr Engagement mit dem BERTINI-Preis ausgezeichnet wurde, hat die Neuntklässler riesig gefreut. Die insgesamt dreizehn Preisträgerinnen und Preisträger nahmen den BERTINI-Preis stellvertretend für alle Peers an der Schule entgegen. Besonders stolz sind auch Yusuf und Mustafa, deren Eltern aus der Türkei stammen, denn auch die türkische Zeitung „Hürriyet` hat über die Preisverleihung berichtet. Mit dem Preisgeld wollen die Schülerinnen und Schüler einen Gruppenraum für die Peers und einen Anti-Aggressionsraum einrichten - und damit ganz selbstverständlich wieder etwas Gutes für ihre Schule tun.