Ein Akt des Widerstands

Die Klasse 8a der Rudolf-Steiner-Schule in Wandsbek inszenierte die tschechische Kinderoper „Brundibár", ein Stück, das im KZ Theresienstadt mehrfach aufgeführt wurde und den Zusammenhalt der internierten Kinder stärkte. Die Wandsbeker Schüler befassten sich intensiv mit den Hintergründen und entwickelten ein erfolgreiches Bühnenstück.

Der tschechische Musiker Hans Krása komponierte 1938 die Kinderoper »Brundibár«, zu einem Text von Adolf Hoffmeister. In der Geschichte geht es um Stärke durch Freundschaft und den Sieg über das Böse. Beides erleben die Geschwister Pepicek und Aninka. Ihr Vater ist gestorben, ihre Mutter ist krank. Der Arzt empfiehlt der Mutter frische Milch zu trinken, doch die Kinder haben kein Geld, um die Milch zu kaufen. Auf dem Markt beobachten sie den Leierkastenmann Brundibár, der mit seiner Musik Geld verdient. Das versuchen sie auch mit Gesang, doch der böse Leierkastenmann vertreibt sie. Mit der Hilfe von drei Tieren und vielen Kindern setzen sie sich schließlich gegen ihn durch.

               

1941 wurde die Oper in einem Prager Kinderheim uraufgeführt. Ein Jahr später deportieren die Nationalsozialisten den Komponisten in das Konzentrationslager Theresienstadt. Dort schrieb er die Partitur noch einmal neu. »55 mal führten Kinder in Theresienstadt die Oper auf«, weiß Joshua Kapfer (15), Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Wandsbek. Intensiv haben er und seine 36 Mitschülerinnen und -schüler sich in die Hintergründe eingearbeitet. »Wir haben viel über Theresienstadt gelesen, Vorträge gehört und Ausstellungen besucht«, schildert Marie Harmsen (15) die Vorarbeit. So bereitete sich die Klasse auf ein besonderes Theaterprojekt vor: die Aufführung von »Brundibár«, eingebettet in eine selbst geschriebene Rahmenhandlung.

            

Als der Klassenlehrer Ulrich Kaiser ihnen vorschlug, die Oper zu spielen, waren die Meinungen noch geteilt. »Die Alternative war das Stück Wilhelm Tell«, erinnert Joshua. Doch je mehr die Klasse sich in das Thema vertiefte, desto größer wurde der Mut, sich an die Aufführung von »Brundibár« zu wagen. Besonders motivierend waren die Begegnungen mit drei Überlebenden des KZ Theresienstadt. »Der Bezug zum Thema wird ganz anders, wenn man mit Menschen spricht, die das selber erlebt haben«, erklärt Sophie Luther (15).

                

Zeitzeugen schilderten die schlechten Lebensbedingungen in Theresien-stadt, erzählten vom Hunger und von der Angst, in Vernichtungslager de-portiert zu werden. Mit der KZ-Überlebenden und heutigen Professorin Anna Hanusová-Fláchova konnten sie in Hamburg ein langes Gespräch führen. »Wir waren beeindruckt von ihrer Herzlichkeit, und sie hat sich gefreut, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen«, berichtet Sophie.

                

Die frühere Garnisonsstadt war von den Nazis als Sammel- und Durchgangslager für Juden und nach außen propagandistisch als jüdischer Alterssitz und ›Vorzeige-KZ‹ genutzt worden. »Das Internationale Rote Kreuz durfte es sogar besichtigen«, erzählt Alexander Jaffke (15). Die Aufführung von »Brundibár« musste ebenfalls für die Propaganda herhalten. Für die Kinder von Theresienstadt, die in der Oper mitspielten, war sie dennoch überlebenswichtig. Das Stück, das ja vom Zusammen-halt der Kinder handelt, gab ihnen Rückhalt. »Es wurde für sie zum geistigen Widerstand«, erklärt Joshua. Eine Gruppe von neun Schülerinnen schrieb die Rahmenhandlung um die 35-minütige Oper. Sie flochten Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen der Kinder in ihr Stück ein und verzichteten auf Szenen mit brutalen SS-Männern. »Wir wollten über die Schicksale der Holocaust-Opfer infor-mieren, aber auch von der Hoffnung und dem Überleben in Theresien-stadt erzählen«, so Marlene Möller (15). Nach regelmäßigen Proben präsentierten die insgesamt 37 Schülerinnen und Schüler zwei Auffüh-rungen vor insgesamt 1400 Personen. »Bei der Generalprobe und den Aufführungen waren auch die Zeitzeugen dabei, und es gab hinterher viele gute Gespräche«, so Nele Rebentisch (15). Viele übernahmen Doppelrollen und schrieben Beiträge für das umfangreiche Programmheft. »So hat sich jeder von uns damit auseinandergesetzt«, erzählt Joshua und Marlene findet: »Ein Theaterstück ist die beste Art, das Thema zu verarbeiten.« Zum Abschluss des Projektes sammelten die Waldorfschüler Geld und ließen einen Stolperstein in Erinnerung an einen Hamburger verlegen, der als Jugendlicher nach Theresienstadt deportiert wurde und dort ums Leben kam.