Grußwort von Bildungssenatorin Christa Goetsch
anlässlich der Verleihung des Bertini-Preises am 27. Januar 2010 im Ernst-Deutsch-Theater
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Giordano,
sehr geehrter Herr Fleckenstein,
sehr geehrte Mitglieder des Bertini-Preis e.V.,
sehr geehrte Hausherrin, liebe Isabella,
liebe Gäste,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
als ich mir überlegte, was ich zur 12. Verleihung des Bertini-Preises sagen möchte, blätterte ich durch die aktuelle Broschüre und verweilte bei den Gruppenbildern der früheren Preisträger.
Dabei fiel mir etwas Interessantes auf.
Es ist für mich als Betrachterin unmöglich, ein Gruppenbild einfach nur als Gruppenbild anzusehen.
Intuitiv schaue ich nach einzelnen Gesichtern. Ich deute ihren Ausdruck. Ich überlege, was diejenige oder derjenige im Moment der Aufnahme wohl dachte und empfand.
Ich kann mir also ein Gruppenbild nur über die Betrachtung der einzelnen erschließen. Und das scheint mir kein Zufall zu sein.
Denn die Gemeinschaft löst den einzelnen Menschen niemals auf.
Von Astrid Lindgren stammt der Satz „Es sind immer auch einzelne Menschen, die die Geschichte der Welt bestimmen."
Und dies scheint mir auch die wichtige Erkenntnis zu sein, die mit dem Bertini-Preis verbunden ist.
Denn der Preis spricht uns als Individuen an. Er ist eine Anerkennung für besondere Projekte und gleichzeitig auch die stete Aufforderung: Du hast Verantwortung!
Der Bertini-Preis wird am 27. Januar verliehen, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Dem Tag der Befreiung von Auschwitz.
Wenn wir an Widerstand im Dritten Reich denken, dann denken wir zunächst an die großen und kleinen Gruppen der Mutigen - oft der verzweifelt Mutigen.
An die Weiße Rose, an den Aufstand im Warschauer Ghetto, an die Gruppe des 20. Juli.
Widerstandsgruppen machen keine Gruppenfotos. Doch wenn wir welche von ihnen hätten, würden wir auch auf ihnen die einzelnen Gesichter erforschen.
Jeder einzelne von ihnen, der seinen ganz eigenen Weg in den Widerstand beschritt.
Jeder einzelne von ihnen, der für sich alleine die Entscheidung treffen musste, sein Leben einzusetzen, um sein Gewissen zu bewahren.
„Du hast Verantwortung" - das gilt aber genauso für die Täter.
Der Holocaust war nur denkbar und durchführbar, weil der einzelne Täter sich bereitwillig in einer Gemeinschaft auflösen ließ.
Hannah Arendt hat dies so eindrücklich als die „Banalität des Bösen" bezeichnet. Der einzelne Täter richtete sich als Befehlsempfänger ein, tat seine Pflicht, tat, was eben getan werden musste.
Nichts wiesen die Täter später so empört zurück wie die Aussage: „Du hast Verantwortung!" Denn sie wollten zwischen ihrem Handeln und den Auswirkungen ihres Handelns keine Verbindung zulassen.
Viele Aufgaben können wir als Menschen nur gemeinsam lösen. „Kein Mensch ist eine Insel", wie der englische Dichter John Donne vor 400 Jahren schrieb.
Das ist wahr. Aber genauso wahr ist: Der Mensch ist immer auch ein einzelner und muss es sein dürfen. Ich behaupte aus eben diesem Grund, dass der Bertini-Preis nur in einer Demokratie denkbar ist.
Denn sie ist die einzige Staatsform, die vom Individuum mit seinen unveräußerlichen Rechten und seiner Würde ausgeht. Vom einzelnen also.
Totalitäre Systeme kennen den Menschen nur als Teil der Masse. Und sie fordern die bedingungslose Anpassung an die Masse - ob sie nun Volksgemeinschaft genannt wird oder anders.
Sie wollen die Anpassung im Handeln und im Denken erzwingen. Nichts fürchten Sie daher mehr als Menschen, die es sich selbst unbequem machen. Denn das beinhaltet die Bereitschaft zum Zweifel.
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
wenn der Bertini-Preis also Zivilcourage auszeichnet, dann würdigt er nicht nur Eure Bereitschaft, unbequem zu sein.
Er prämiert auch die Bereitschaft, es sich selbst unbequem zu machen.
Ein ganz schön unbequemer Preis, könnte man sagen. Aber gerade das macht ihn so besonders und herausragend.
Ich gratuliere Euch allen als Gruppen und als einzelnen zu dieser Auszeichnung.
Als Preis von Hamburgern für Hamburger ist der Bertini-Preis weit mehr als nur eine Zierde für unsere Stadt.
Seit 1998 ist er zu einem Stück Substanz für unsere Stadtgesellschaft geworden und für mich eine der schönsten Auszeichnungen, die in Hamburg überhaupt vergeben werden.
Dafür danke ich allen Initiatoren und Förderern, den engagierten Lehrerinnen und Lehrern, Patinnen und Paten und natürlich seinem Namensgeber Ralph Giordano.
Ich hoffe, dass wir gemeinsam noch viele Gruppenbilder von couragierten jungen Menschen in das Album hinzufügen können.
Artikel drucken
Lesezeichen setzen