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Auf den Spuren des Warschauer Aufstandes

Mit einem hierzulande kaum bekannten Bereich der Widerstandsgeschichte haben sich die drei Gymnasiasten Linus Best, Justus Dienstbier und Arian Musa befasst: dem Aufstand der polnischen Untergrundarmee gegen die deutschen Besatzer am 1.August 1944 in Warschau.

Das Denkmal des Warschauer Aufstands zeugt vom tapferen Widerstand gegen die Nazi-Unterdrückung.17 polnische Widerstandskämpfer haben ihre Grabstätte auf dem Harburger Neuen Friedhof gefunden. Ein Gedenkstein mit polnischer Inschrift und 17 aufgelisteten Namen war bislang der einzige Hinweis auf diese Grabstätte. Doch die drei Harburger Gymnasiasten Justus Dienstbier, Arian Musa und Linus Best (alle 19) wollten mehr wissen. „Warum liegen hier 17 Soldaten aus Polen begraben, wie kamen sie hierher?", fragten sie sich und gingen gemeinsam mit dem Hamburger Landesverband des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf intensive Spurensuche.
               
Die drei Absolventen der Gesamtschule Harburg, alle mit dem Fach Geschichte als Leistungskurs, hatten schon einmal an einem Geschichtsprojekt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gearbeitet. „Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Verband mit dem antiquierten Namen haben wir schnell abgelegt, denn er macht eine moderne Jugendarbeit und sein Ziel ist neben der Gräberpflege die Aufklärung über Krieg und Gewalt", berichtet Justus.
                
Das Warschauer GhettoDurch den Verband wurden die Jugendlichen auf die Grabstätte aufmerksam und erfuhren nach ersten Recherchen, dass es sich um Mitglieder der Armia Krajowa handelte. „Das war eine Untergrundarmee, die Warschau von den deutschen Besatzern befreien wollte", erläutert Linus. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1939 in Polen einmarschiert war, bildete sich eine Freiheitsbewegung, die im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund arbeitete. „Im Kanalsystem von Warschau entstand praktisch ein Untergrundstaat mit Krankenstation, einem Bildungsnetzwerk, Werkstätten und einer Untergrundarmee", berichtet Arian. Sie sah sich als Armee der polnischen Exilregierung, die geflohene Militärs und Politiker in Frankreich gegründet hatten und in London weiterführten. In Warschau formierten sich unbemerkt von den deutschen Besatzern 45.000 polnische Soldaten, die ihre Waffen großteils selber bauten oder einschmuggelten.
                
Am 1.August 1944 bekamen sie das Signal zum Losschlagen. „Die Widerstandskämpfer rechneten mit der Unterstützung der Sowjets, die an die Grenzen Polens vorgerückt waren", erklärt Arian die Wahl des Zeitpunktes. Doch die erwartete Hilfe blieb aus. Dennoch hielt der polnische Befreiungskampf  63 Tage an. „Der Warschauer Aufstand war der größte Widerstandskampf einer unterdrückten Nation im Zweiten Weltkrieg. Bei uns weiß kaum jemand etwas darüber, oft wird er mit dem Aufstand der jüdischen Gefangenen im Warschauer Ghetto (1943) verwechselt", so Linus. „Im Geschichtsunterricht wird zwar intensiv auf die Nazi-Zeit in Deutschland eingegangen, aber wir erfahren zu wenig über die Nachbarländer, die unter den Nazis litten", ergänzt Justus.
               
Dabei sind die Zusammenhänge sehr eng, wie sich beim Warschauer Aufstand zeigt. Die deutschen Besatzungstruppen, die anfangs von dem Angriff überrumpelt wurden, schlugen mit aller Brutalität zurück, auch mit Massenmorden an der Zivilbevölkerung. Am 3. Oktober kapitulierte die Armia Krajowa. Die überlebenden Widerstandskämpfer wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert. So kamen auch die 17 hier begrabenen Soldaten nach Hamburg. Sie mussten in verschiedenen Stadtteilen Kriegstrümmer wegräumen. „Das war eine lebensgefährliche Arbeit, denn die Zwangsarbeiter waren den Bombenangriffen der Alliierten schutzlos ausgeliefert, sie durften keine Luftschutzbunker aufsuchen", erklärt Linus. Am 22.März 1945 kamen die 17 polnischen Männer in Wilhelmsburg bei einem Bombenangriff ums Leben.
Infotafel zur Geschichte des Warschauer Aufstands.         
Die Jugendlichen wollten auf diese Schicksale aufmerksam machen und zugleich über die Bedeutung und die Folgen des Warschauer Aufstandes aufklären. „Wir beschlossen, eine Informationstafel zu erstellen und an der Grabstelle zu errichten", berichtet Justus. Dafür recherchierten die Schüler umfassend, sprachen nicht nur mit Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Hamburger Vereinigung Polnischer Kombattanten, sondern sichteten auch die spärlich vorhandene Literatur. Im Februar 2009 machten sie sich schließlich selbst auf den Weg in die polnische Hauptstadt.
                  
„Es war eine abenteuerliche Fahrt im VW-Bus durch Schneetreiben, aber insgesamt hat uns die Reise enorm viel gebracht", erinnert sich Linus. Die Jugendlichen stellten fest, „dass der Aufstand in Polen eine große Bedeutung hat. An vielen Plätzen in Warschau gibt es Erinnerungstafeln", berichtet Arian. Mehr Details erfuhren die Nachwuchshistoriker im Museum des Warschauer Aufstandes. So zum Beispiel, dass die Polen das Verhalten der Roten Armee während des Aufstandes als Verrat empfinden. Die Russen hatten den polnischen Soldaten während des Befreiungskampfes nicht geholfen, sie später sogar entwaffnet und verhaftet. Warum sie so handelten, darüber gibt es sehr unterschiedliche Thesen.
                
Mit ihrem gewonnenen Wissen machten sich die Jugendlichen an die Gestaltung einer Informationstafel. Sie wählten ein Bild des Denkmals vom Warschauer Aufstand, verfassten einen Informationstext, den sie über das polnische Konsulat in Hamburg mit den Historikern des Warschauer Museums abstimmten und ließen ihn auf Polnisch übersetzen. Pünktlich zur Gedenkfeier am 1.August 2009 - 65 Jahre nach dem Beginn des Warschauer Aufstandes - wurde die zweisprachige Tafel feierlich enthüllt. Journalisten berichteten über das Ereignis, auch in einer polnischen Zeitung erschien ein Artikel.
                  
Rechts: Linus Best, Justus Dienstbier und Arian Musa vor der Gedenkmauer in Warschau.Rechts: Linus Best, Justus Dienstbier und Arian Musa vor der Gedenkmauer in Warschau.Eine Reaktion auf diese Berichterstattung hat die drei Gymnasiasten besonders beeindruckt. „Es meldete sich eine Witwe aus Polen, die durch den Artikel endlich erfahren hatte, wo ihr verschollener Mann begraben liegt", erzählt Justus. Kurz darauf kam ihre Tochter mit ihrem Mann nach Hamburg, sie besuchten das Grab und trafen sich mit den Jugendlichen. „Das Treffen mit den Angehörigen war ergreifend", beschreibt Linus seine Eindrücke. Und die Gymnasiasten nahmen sich für die Zukunft vor, „noch mehr über die Einzelschicksale der Widerstandskämpfer herauszubekommen", so Arian. Doch schon jetzt sind sie stolz auf die Ergebnisse ihres Projektes: „Wir haben viel neues über Polen gelernt, und es macht  viel Spaß, gemeinsam etwas zu erarbeiten", resümiert Justus.


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(Änderungsdatum: 17.06.10)