Verfolgt, verfemt, vertrieben - Musikerschicksale in der NS-Zeit
Die Begegnung mit Musikern, die die Nazi-Zeit überlebt haben, motivierte sechs Schüler des Johanneums dazu, das Schicksal der verfolgten Künstler in einer internationalen Ausstellung öffentlich zu machen.
Als Zvi Cohen (1931 in Berlin geboren) nicht mehr zur Schule gehen durfte, weil er Jude war, vertrieb er sich seine einsamen Nachmittage in der elterlichen Wohnung mit dem Mundharmonikaspielen. Als die SS-Männer kamen, um den damals Zwölfjährigen zu deportieren, spielte er ihnen stundenlang etwas auf seiner Mundharmonika vor, damit sie warteten, bis seine Eltern nach Hause kamen. Als die Familie im KZ Theresienstadt gefangen war, spielte Zvi für einige Brotkrumen auf seinem Instrument. Die Musik gab ihm Lebensmut, heute lebt er in der Nähe von Jerusalem.Der damals 17-jährigen Anita Lasker-Wallfisch, (1925 in Breslau geboren) rettete die Musik sogar das Leben. Ihre Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet, sie selbst in das KZ Auschwitz deportiert. Dort hatte die Lagerkommandantur zu ihrem eigenen Vergnügen ein Mädchenorchester gegründet. Gefangene, die ein Instrument spielen konnten, wurden aufgenommen. Die meisten entkamen so der Ermordung, wie Anita Lasker-Wallfisch, die Cello spielte. Nach dem Krieg studierte sie Musik in London und arbeitete als Cellistin.
Sechs Schüler des Johanneums setzten sich intensiv mit diesen und drei weiteren Musikerschicksalen auseinander. „Darauf aufmerksam wurden wir bei der Vorbereitung zu dem Musikwettbewerb ‚Verfemte Musik' am Schweriner Konservatorium", erzählt Anton Marchel (15). Der Musikwettbewerb richtet sich an junge Nachwuchsmusiker und dient dazu, einst von den Nationalsozialisten verbotene Kompositionen wieder zur Aufführung zu bringen. Begleitet wird der Wettbewerb von einem umfangreichen Kultur- und Geschichtsprogramm.
„In diesem Rahmen hielten wir an einer Schweriner Schule einen Vortrag über jüdische Musiker", sagt Anton Marchel, der zusammen mit Mitschüler Richard Haufe-Ahmels zum Festival gereist war. Hier trafen sie auch auf Zeitzeugen, auf jüdische Musiker, die die NS-Zeit überlebt hatten, sowie die Tochter des im KZ Sobibór ermordeten Pianisten Alfred Tokayer. Mit ihnen machten sie Interviews, die sie mit der Kamera festhielten. Auf der anschließenden Konzertreise der Wettbewerb-Preisträger trafen die beiden Jugendlichen in Wien und Prag einige der Zeitzeugen wieder.
In Wien zeigte ihnen der von dort stammende Musiker Walter Arlen Stationen seiner Kindheit. Der heute in den USA lebende 90-Jährige wurde früh musikalisch gefördert. 1938 wurde das Kaufhaus seiner Eltern beschlagnahmt, sein Vater ins KZ deportiert. „Er selbst konnte 1939 in die USA emigrieren, studierte dort Musik und arbeitete als angesehener Musikkritiker und Komponist", schildert Anton.
Mit der Musikerin Eva Hermannová besuchten die Schüler die Gedenkstätte KZ Theresienstadt. Die heute 81-jährige Tschechin wurde 1943 in das Lager deportiert. Sie überlebte, weil sie dort im Chor der Kinderoper Brundibár mitsang. „Sie war sehr ergriffen, als sie uns durch die Gedenkstätte führte. Sie schilderte uns, wie die Musik für viele im Lager einen Hoffnungsschimmer bedeutete. Die Kinderoper Brundibár wurde 55-mal aufgeführt und gleichzeitig von den Nazis zu Propagandazwecken missbraucht", erklärt Anton.
Nachdem Richard und Anton reichhaltiges Filmmaterial mit den Biografien von fünf verfolgten Musikern gesammelt hatten, schlug Richards Vater, Volker Ahmels, Direktor des Konservatoriums in Schwerin, den Schülern vor, daraus eine Ausstellung für das Museum of Tolerance in Los Angeles zu gestalten.
„Diese Idee wurde als Schulprojekt für den 10. Jahrgang ausgeschrieben", sagt Lehrerin Inken Hose, die mit ihrem Kollegen Andreas Witte die Betreuung des Projektes übernahm. Dadurch fanden Anton und Richard mit Nils Aue, Philipp Lee, Samuel Loebell und Jan-Hendrik Wendt neue Mitstreiter. Die Gruppe entschloss sich, eine mediale Ausstellung zu erarbeiten. Auf Monitoren wurden die Interviews der Zeitzeugen und Kommentare gezeigt, zusätzliche Informationstafeln lieferten biografische und geschichtliche Daten. Die Jugendlichen stellten auch Tafeln mit inhaltlichen Schwerpunkten zusammen, etwa über das Mädchenorchester in Auschwitz oder die Ambivalenz der Musik in der NS-Zeit. „Es war schon krass, dass die KZ-Häftlinge für ihre verhassten Feinde Musik machen mussten, dass die Musik ihnen andererseits Hoffnung gab und dass viele als Überlebende beim Hören bestimmter Lieder heute immer wieder an die Schreckenszeit im Lager erinnert wurden", berichtet Philipp Lee (17).
Unermüdlich sichtete die Gruppe rund 15 Sunden Filmmaterial, arbeitete Schwerpunkte heraus, stellte sich der großen Herausforderung die Tafeltexte ins Englische zu übersetzen, „dabei haben uns dann auch die Englisch-Lehrkräfte unterstützt", erinnert sich Samuel Loebell (17). Vom 14. bis zum 27.April 2009 reiste die Gruppe schließlich nach Los Angeles. Neben der Ausstellungseröffnung am „Yom Ha Shoa" (Tag des Leidens), dem jüdischen Erinnerungstag an den Holocaust, standen unter anderem der Besuch einer jüdischen High-School auf dem Programm, sowie das Treffen mit dem in L.A. lebenden Walter Arlen und der Besuch beim Sohn des Komponisten Arnold Schönberg.
„Die Reise mit dem sehr vielfältigen Programm war sicherlich der Höhepunkt unserer Projektarbeit", so Richard Haufe-Ahmels. Doch auch danach zeigten die Schüler ihre Ausstellung am Johanneum und in der Talmud-Tora-Schule und organisierten ein weiteres Zeitzeugengespräch mit einer
Überlebenden des KZ Theresienstadt an ihrer Schule. „Die persönliche Begegnung mit Zeitzeugen ist viel intensiver als jeder Geschichtsunterricht", fasst Nils Aue (17) die Projektarbeit zusammen. „Das wollten wir auch an andere Schülergenerationen weitergeben", fügt Jan-Hendrik Wendt (17) hinzu.
Für Laudator Ralph Giordano hatte dieses Projekt eine ganz besondere Bedeutung. Von 1933 bis 1940 war er selber Schüler des Johanneums, „bis ich aus rassistischen Gründen verjagt worden bin", so der Ehrenvorsitzende des Bertini-Preis-Vereins. Mit tief empfundener Freude dankte er den heutigen Schülern für ihr Engagement.
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