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Die unbekannte Heldin Agnes Gierck

Die Klasse 6b des Heidberg-Gymnasiums folgte den Spuren einer Arbeiterin, die sich gegen die Nationalsozialisten wehrte und sorgte dafür, dass ihr Engagement als Widerstand anerkannt wird.

Die unbekannte Heldin Agnes GierckWer war Agnes Gierck? Wer sich über die Frau, nach der in Langenhorn eine Straße benannt ist, im Internet informieren will, der findet dort mittlerweile deutlich mehr als einen Eintrag.  Und das ist nicht zuletzt 30 Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Heidberg in Langenhorn zu verdanken.
          
„Alles begann damit, dass wir uns mit dem Thema Helden beschäftigen wollten“, sagt Louisa (11) aus der Klasse 6b. Religionslehrerin Elke Hertel hatte der damals noch 5. Klasse vorgeschlagen, sich beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit dem Thema ‚Helden: verehrt – verkannt – vergessen‘ zu bewerben. Das fanden die zehn- bis zwölfjährigen ein spannendes Thema und sie begannen mit der Heldensuche in ihrer eigenen Umgebung. „Wir sammelten Straßennamen in Langenhorn und fragten uns, ob die Menschen, nach denen die Straßen benannt sind, wirklich Helden waren“, erzählt Franek (11).
             
Die Schülerinnen und Schüler stießen bei ihrer Recherche auch auf den Agnes-Gierck-Weg. „Über Agnes Gierck konnten wir kaum etwas finden. Es gab im Internet nur einen Text über sie“ erzählt Gabriel (11). Immerhin erhielt er einen Hinweis auf die noch in Langenhorn lebende Gertrud Kelb erzählt vom Engagement ihrer Großmutter Agnes Gierck gegen das Nazi-Regime.Enkelin Gertrud Kelb. „Wir haben sie angerufen, sie Zuhause besucht und sie zu uns in die Schule eingeladen“, erinnert sich Björn (12). Dort berichtete Gertrud Kelb der Klasse vom Leben ihrer Großmutter.
                   
Agnes Gierck, die 1886 in Weimar geboren wurde, heiratete 1909 in Hamburg den Steinträger Carl Gierck, zog zwei Söhne und eine Tochter groß und arbeitete als Hausangestellte und Plätterin. Die Giercks lebten in Langenhorn und traten 1929 in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Das Ehepaar wollte sich für die Verbesserung der schlechten Lage der Arbeiter einsetzen. Agnes Gierck verteilte Flugblätter und Zeitungen und, sie engagierte sich in der „Roten Hilfe“, einer Hilfsorganisation der Kommunistischen Partei. „Sie sammelte Spenden, damit Familien, deren Angehörige im Gefängnis waren, unterstützt werden konnten“, berichtet Alina (11).
             
Enkelin Gertrud Kelb freut sich über das neue Straßenschild mit dem Namen ihrer Großmutter (Foto: Kleucker)1933 verboten die Nazis die Arbeit der KPD, viele Kommunisten wurden verhaftet, darunter auch fast die ganze Familie von Agnes Gierck. Sie selbst wurde 1935 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Trotz der Gefahr erneuter Verhaftung und trotz ihres Kummers über ihre beiden im Krieg gefallenen Söhne, engagierte sich Agnes Gierck nach ihrer Haft weiter im Untergrund. 1944 starb sie an Unterleibskrebs.
                   
Die Schüler waren beeindruckt von den Schilderungen der Enkelin, die auch Privatfotos mitgebracht hatte. Und sie befragten sie, wie es dazu kam, dass eine Straße in Langenhorn über 50 Jahre später den Namen ihrer Großmutter erhielt. Von ihr und aus Zeitungsberichten erfuhren sie, dass es sich um eine Umbenennung handelte. „Anwohner des Peter-Mühlens-Weg hatten herausgefunden, dass der Arzt, nach dem ihre Straße hieß, während der Nazi-Zeit medizinische Versuche an Häftlingen vorgenommen hatte“, erzäht Maraike (11). Die Anwohner forderten eine Umbenennung und schlugen Agnes Gierck vor. Der Ortsausschuss stimmte einer Umbenennung zu, war sich aber nicht einig, was den Namen betraf, „wahrscheinlich weil sie eine Kommunistin war“, vermutet Franek. Als am 28. Februar 1997 dann doch der Agnes-Gierck-Weg eingeweiht wurde, behauptete der damalige Ortsamtsleiter in seiner Festrede, dass Agnes Gierck keine echte Widerstandskämpferin gewesen sei.
              

Die Klasse 6b des Heidberg-GymnasiumsDiese Aussage fanden die jungen Gymnasiasten nicht richtig. Sie kamen nach ihren Recherchen zu einem anderen Ergebnis. „Agnes Gierck hat versucht zu verhindern, dass die Nazis Krieg anfangen und sie hat denen geholfen, die unter den Nazis gelitten haben, deshalb ist sie für uns eine Widerstandskämpferin“, so Franek. Die Klasse war sich einig, dass der Ortsamtsleiter eine Fehler gemacht und Agnes Gierck und ihrer Familie Unrecht getan hat. Sie wollten eine Richtigstellung erreichen. Und so erarbeiteten sie die 40-seitige Dokumentation „Die richtigen Helden für unsere Langenhorner Straßen?“ in der sie unter anderen auf Agnes Gierck eingingen. Sie reichten sie beim Geschichtswettbewerb ein und wurden sowohl mit einem Landespreis als auch mit einem Dritten Preis auf Bundesebene ausgezeichnet.
               
Sie erreichten damit auch, dass in der lokalen Presse über ihr Projekt und die Einordnung von Agnes Gierck als Widerstandskämpferin berichtet wurde. Dank ihrer Recherche wird Agnes Gierck in das Personenlexikon „Hamburgische Biografie“ aufgenommen und in verschiedenen Ausstellungen, darunter auch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, gewürdigt. „Wichtig war uns, den jetzigen Bezirksamtsleiter auf den Fehler seines Vorgängers hinzuweisen“, sagt Björn. Sie schrieben einen Brief an das Bezirksamt Hamburg Nord. Der Leiter Wolfgang Kopitzsch reagierte darauf mit einem Besuch der Schüler im Unterricht, wo er ihnen Rede und Antwort stand.
              
Dass die Klasse 6b für ihre Arbeit auch mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet wurde, hat die Schüler riesig gefreut. „Wir hätten nie gedacht, dass das so eine große Sache wird, aber es war toll, dass alle mitgemacht haben und dass wir gemeinsam etwas erreichen konnten“, stellt Jona fest und das sehen seine Mitschülerinnen und Mitschüler genauso.


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(Änderungsdatum: 17.06.10)