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Die dunklen Kapitel von Uetersen

Sie forschten über die Vorgänge an ihrer Schule und in ihrer Stadt während der NS-Zeit. Neun Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Meyn-Schule in Uetersen fanden bislang Unbekanntes heraus und verfassten darüber ein Buch.

Appell auf dem Schuhof der Ludwig-Meyn-Schule vor Direktor Hinrich Apfeld.„Man will ja schon etwas mehr wissen, über die Schule, auf die man geht“, begründet Christopher Hahn (19) seine Teilnahme an dem Projekt „Uetersen im Nationalsozialismus“. Der Schüler der Ludwig-Meyn-Schule in Uetersen hatte gemeinsam mit seinen Mitschülern über den ehemaligen Rektor Hinrich Apfeld geforscht, der von 1934 bis 1945 das Gymnasium leitete.
   
Es war eins von fünf Themen, die sich mit der Vergangenheit der Kleinstadt im Nationalsozialismus beschäftigten. Insgesamt neun Schülerinnen und Schüler waren der Anregung ihres Geschichtslehrers Sönke Zankel gefolgt, die dunklen Kapitel ihrer Stadt aufzuarbeiten und ihre Ergebnisse in einem Buch zusammenzufassen. Bislang gab es kaum ergiebige Darstellungen zur lokalen  NS-Geschichte und so begaben sich die jungen Geschichtsforscher auf eine intensive und spannende Suche nach Quellen und Zeitzeugen zu ihren jeweiligen Themen. 
   
Sehr unterschiedlich gestaltete sich die Quellenlage zu den in der Nazi-Zeit amtierenden Rektoren Bernhard Pein und Hinrich Apfeld. Um die Frage zu beantworten, inwieweit die Schulleiter sich nationalsozialistisch engagierten, recherchierten die Schülerinnen und Schüler in Landes-, Staats- und Bundesarchiven, wälzten  Literatur und Zeitungsberichte. Melanie Rixen und Kim-Sophie Schneider konzentrierten sich dabei auf Bernhard Pein, der die Schule schon bald verließ. Er gehörte mehreren politischen NS-Organisationen an, baute ab 1934 die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) in Berlin auf und wurde deren Leiter. Die Rechercheergebnisse der beiden Schülerinnen belegen die nationalsozialistische Überzeugung und Haltung Peins und „dass er auch alles tat, um die Ideologie in den Köpfen seiner Schüler zu verankern“. 
   
Über Peins Nachfolger an der Ludwig-Meyn-Schule, Oberstudienrat Hinrich Apfeld, war es zunächst schwieriger etwas herauszufinden. Michel Wilke, Olaf Conrad und Christopher Hahn mussten feststellen, „dass die Schulakten aus den Jahren von 1934 bis 1945 verschwunden waren und die Personalakte auch nichts hergab“, berichtet Christopher. Doch die Schüler liessen sich nicht beirren, bekamen von der Tochter des Ex-Rektors einige Unterlagen, studierten Dokumente aus dem Entnazifizierungsprozess und befragten als Zeitzeugen einen ehemaligen Schüler, der Hinrich Apfeld als Rektor erlebt hatte. „Wir erfuhren, dass sich Apfeld für den Einfluss der Nazi-Ideologie an seiner Schule stark gemacht und die Schüler kurz vor Kriegsende sogar noch aufgerufen hatte, in den Krieg zu ziehen“, erzählt Michel (19). Schockierend fanden die Jugendlichen, dass der Lehrer diesen Sachverhalt nach dem Krieg vehement bestritt und alles tat, um wieder an der alten Schule eingesetzt zu werden. Das blieb allerdings ohne Erfolg. 
   
Schulfest in der Ludwig-Meyn-Schule 1936: Schießen mit Kleinkaliber – GewehrenDie beiden Schülerinnen Linda Büscher und Wagma Hayatie beschäftigten sich jeweils mit Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren und fragten sich, ob es sich hierbei um Widerstandskämpfer handelte. Linda (19) widmete sich der Verfolgung der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen. In Uetersen gab es sieben Personen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit angeklagt und zum Teil verurteilt wurden. Zeitzeugen fanden sich nicht mehr, aber die Schülerin sichtete neben der Literatur die Akten von Gerichtsverfahren gegen die Anhänger und sprach persönlich mit zwei Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft. „Ich überwand meine Vorurteile, denn ich wollte etwas über ihren Glauben erfahren“. Ihr Ziel war es: „aufzuzeigen, dass auch diese Leute verfolgt worden sind“, so Linda. Viele kamen in Konzentrationslagern ums Leben. „Die Verhafteten blieben standhaft und verrieten in Verhören keine Namen, dennoch handelt es sich hier nicht um politischen Widerstand, sondern um das Handeln zugunsten der eigenen Gemeinschaft“, stellt Linda fest. 
   
Wagma (18) befasste sich in ihrem Aufsatz mit Marie Lorenz, einer einfachen Frau aus Uetersen, die im Oktober 1944 verhaftet worden war. Jemand hatte sie bei der Gestapo denunziert, ausländische Radiosender gehört zu haben. Sie wurden wegen des Hörens von sogenannten Feindsendern und Verbreitung der Nachrichten angeklagt und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Mit dem Vorrücken der Alliierten nach Deutschland kam sie am 16. Mai 1945 frei. Nach dem Krieg beantragte sie Haftentschädigung und sagte, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. „Ob das so war, lässt sich nicht klären“, berichtet Wagma. Zu widersprüchlich waren die Quellen. Der Antrag wurde jedenfalls abgelehnt. „Wie aus den Akten hervorging, unterstellte man ihr, sie sei nur auf Entschädigung aus. Beim Lesen stellte ich fest, wie unglaublich schwer es ist, die Perspektive einer Akte nicht einfach zu übernehmen“, schildert Wagma, die die Quellen sorgsam analysierte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Marie Lorenz eine Haftentschädigung wohl verdient hätte, aber aus heutiger Sicht nicht dem Widerstand zuzuordnen ist.  
   
Im fünften Aufsatz analysierten Daliah Chaim-Lev und Christina Schubert die Lokalpresse während der NS-Zeit. „Anhand verschiedener Schwerpunkte haben wir untersucht, inwieweit die Uetersener Nachrichten eine nationalsozialistisch geprägte Zeitung war“, sagt Daliah (18). Die Schülerinnen sichteten die Ausgaben der Tageszeitung unter den Aspekten: wie wurde die Reichstagswahl 1933, der 50.Geburtstag Hitlers, der Einmarsch in Polen und Hitlers Tod dargestellt. Ihr Ergebnis: „Die einseitige Darstellung der Nachrichten, die vielen Propaganda-Formulierungen und das einseitig verwendete Bildmaterial sind eindeutig. Die Uetersener Nachrichten bezogen, wie andere Zeitungen auch, ihre Nachrichten von zentralen NS-Nachrichtenbüros und übernahmen die Ideologie scheinbar mit Begeisterung.“ 
   
»UETERSEN IM NATIONALSOZIALISMUS« Neun Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Meyn-Schule in Uetersen stellten sich der nationalsozialistischen Vergangenheit in ihrer Stadt und ihrer Schule: Sie untersuchten das Verhalten des ersten NS-Rektors Bernhard Pein und seines Nachfolgers Hinrich Apfeld, die Verfolgung von Mitgliedern der Zeugen Jehovas, die Verurteilung einer Frau wegen des Hörens eines „Feindsenders“ und den Einfl uss des Nationalsozialismus auf die Uetersener Presse. Sie forschten in Archiven, lasen einschlägige Literatur, befragten Zeitzeugen. Ihre Ergebnisse sind in dem 132- Seiten-Buch „Uetersen im Nationalsozialismus“ dokumentiert, von dem bereits 800 Exemplare verkauft wurden. Hans Jürgen Fink vom „Hamburger Abendblatt“ überreichte Scheck und Urkunden.Ein Jahr lang haben die Schülerinnen und Schüler beharrlich an ihren Themen gearbeitet und dabei viel Freizeit investiert. „Manchmal war die Arbeit schon eine große Herausforderung, aber das Durchhalten hat sich gelohnt“, meint Wagma. „Wir haben sehr viel dabei gelernt, etwa wie man kritisch mit Quellen umgeht“, ergänzt Daliah. Herausgekommen ist ein 132 Seiten starkes Buch mit fünf Aufsätzen über die Stadt Uetersen im Nationalsozialismus, eine empirische Unterrichtsforschung und Unterrichtsmaterial. Dass die 1. Auflage mit rund 800 Büchern fast sofort vergriffen war, hat die Schülerinnen und Schüler zwar überrascht aber auch riesig gefreut.


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(Änderungsdatum: 17.06.10)