Startseite
Kontakt
Impressum
Inhaltsverzeichnis

Romeo und Jasmin – Mord an der Ehre

Persönliche Erlebnisse und die Trauer um eine Bergedorfer Schülerin veranlassten die Theatergruppe der Gesamtschule Bergedorf dazu, das ernste Thema Ehrenmord auf die Bühne zu bringen.

Das Thema des so genannten Ehrenmordes bewegte die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Bergedorf besonders tief. Denn einige von ihnen hatten die sechzehnjährige Morsal gekannt, die im Mai 2008 von ihrem Bruder ermordet worden war. Er hatte die Deutsch-Afghanin, die auf eine Nachbarschule in Bergedorf ging, mit mehreren Messerstichen getötet, weil sie sich in seinen Augen der Familienehre widersetzte.
 Persönliche Erlebnisse und die Trauer um eine Bergedorfer Schülerin veranlassten die Theatergruppe  der Gesamtschule Bergedorf dazu, das ernste Thema Ehrenmord auf die Bühne zu bringen.    
„Wir waren erschüttert über Morsals gewaltsamen Tod und weil die  sogenannten Ehrenmorde immer wieder passieren, wollten wir uns mit dieser Realität auseinandersetzen und sie auf die Bühne bringen“, sagt Rosa Müllenmeister (20). Nicht alle aus dem Kurs waren sofort damit einverstanden. „Viele fragten sich, wie man so ein krasses Thema ernsthaft darstellen kann“, erinnert sich Anne Kathrin Langeloh (19) an den Beginn des Theaterkurses. Doch die 17 Schülerinnen und Schüler, von denen gut ein Drittel aus muslimischen Elternhäusern stammen, wagten sich gemeinsam mit Lehrer Markus Tiedemann an das Projekt. 
             
„Wir teilten uns in kleine Gruppen auf, führten viele Gespräche, in denen wir über Vorurteile und eigene Erfahrungen sprachen“, schildert Hilla Yousofzai (20) den Beginn. Das Erarbeitete wurde in Einzelszenen festgehalten, die die Schülerinnen und Schüler später zu einem Stück zusammenführten. „Die ersten Probenphasen waren hügelig, denn wir mussten immer wieder überlegen, von welcher Seite wir uns dem Thema nähern“, erinnert sich Rosa. Besonders die Darstellung der zwei unterschiedlichen kulturellen Gruppen drohte immer wieder in Klischees abzurutschen.
           
Schließlich kam den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern ein genialer Regieeinfall. Sie entschlossen sich, ihre Figuren nicht in muslimischen und westlich geprägten Gemeinschaften auftreten zu lassen, sondern als Mitglieder der Rot- und der Blaufische. Die Gruppenmitglieder machten sie durch blaue oder rote Bekleidungsstücke kenntlich und verhinderten so eine möglicherweise diskriminierend wirkende Einteilung nach äußeren Kennzeichen wie Haar- oder Augenfarbe.
              
Romeo und Jasmin - Szene aus dem StückDanach war der Knoten geplatzt und die Schülerinnen und Schüler entwickelten ihre Geschichte, die sich zwar an das klassische Stück Romeo und Julia anlehnt, ansonsten aber ihre eigenen Lebenswelten mit aufgreift. Im Kern geht es um  die beiden Jugendlichen Romeo und Jasmin, die jeweils den beiden unterschiedlichen Lagern angehören. Romeo ist ein Blaufisch und Jasmin gehört zu den Rotfischen. Die sind zwar nicht verfeindet, so sind der Bruder von Jasmin, der Rotfisch Dennis, und Blaufisch Romeo sogar gute Freunde. „Aber wenn es drauf ankommt, halten sie doch in ihrer Gruppe zusammen“, sagt Hilla. Und eine Liebe, die sich zwischen Romeo und Jasmin im Laufe des Stückes entwickelt, ist eben doch gegen die Regeln. Alles scheint auf einen Ehrenmord von Dennis an seiner Schwester Jasmin hinauszulaufen. „Wir wollten damit auch zeigen, unter welchem Druck alle Beteiligten stehen, nicht nur die Mädchen, deren Rechte missachtet werden, sondern auch die Jungs, die die angebliche Familienehre verteidigen sollen“, erklärt Rosa. 
            
Diese Belastungen waren in den vielen Gesprächen herausgekommen, die die Schülerinnen und Schüler immer intensiver miteinander geführt haben, „Für mich ist meine Familie zum Beispiel sehr wichtig, sie steht an erster Stelle“, beschreibt Hilla, die mit sieben Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam, den Unterschied zu ihren deutschen Freundinnen, bei denen es vielleicht eher der Freund ist. „Wir haben viel voneinander erfahren, über das wir sonst nie gesprochen hätten, etwa auch wie sehr die Eltern in manchen Familien bestimmen, dass ihre Kinder Landsleute heiraten“, berichtet Rosa. „Über solche Gegensätze zu sprechen war wichtig für das Rollenverständnis, es hat auch Vorurteile abgebaut und uns als Gruppe, die anfangs sehr heterogen war, zusammengeschweißt“, stellt Anne Kathrin fest.
              
In ihrem  Stück „Romeo und Jasmin – Mord an der Ehre“ lassen die Schüler zwei Phantome auftreten, sie machen die Zerrissenheit der Beteiligten sichtbar, die sich zwischen Ehre und Würde entscheiden müssen. Die Geschichte endet tragisch, wenn auch anders als erwartet. Denn es kommt weder zum Freitod der beiden Liebenden, wie in der klassischen Vorlage, noch begeht Dennis den befürchteten Ehrenmord an seiner Schwester. Er wird selber zum Opfer. Weil Romeo ein Treffen mit Dennis und Jasmin fehldeutet und glaubt, der wolle seine Schwester umbringen, tötet er Dennis.
             
19 und 20 Jahre alte Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Bergedorf erhalten Urkunden und Scheck aus der Hand von Günther Wedderien von der Absalom Stiftung der Freimaurer.Insgesamt drei Mal führten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Inszenierung mit großem Erfolg auf. Bei der Aufführung im Theater Haus im Park sahen rund 300 Zuschauer das Stück, bei den Jugendtheatertagen in Bergedorf gewann es einen ersten Preis. “Wir bekamen viele positive Rückmeldungen – auch von muslimischen Jugendlichen. Eine Freundin sagte zu mir, das ist genau mein Problem“, bereichtet Anne Kathrin. „Es ist uns gelungen zu zeigen, welcher Druck von Seiten der Familie, aber auch der Gesellschaft auf den Betroffenen lastet“, ergänzt Hilla. Wie stolz die Gruppe darauf ist, dass ihr eine einfühlsame und dennoch die harten Realitäten nicht verschweigende Geschichte gelungen ist, bringt Rosa auf den Punkt: „ Es war toll in einer so großen Gruppe ein Stück erarbeitet zu haben, in das so viel Persönliches eingeflossen ist, trotz Abiturvorbereitung hat nie einer bei den Proben gefehlt, es war uns allen wichtig, die Problematik aufzuzeigen und nicht wegzusehen“, so Rosa. In ihrem Flyer zum Theaterstück hat die Gruppe 20 Namen mit Orten und Daten aufgelistet. Es ist die Dokumentation der in den Jahren 2008 und 2009 begangenen Ehrenmorde.



Artikel drucken
Lesezeichen setzen

(Änderungsdatum: 17.06.10)