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Festrede von Dr. Klaus von Dohnanyi

anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2010 im Ernst Deutsch Theater

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Christa Goetsch, sehr geehrte Förderer, liebe Schülerinnen und Schüler,
   

Dr. Klaus von Dohnanyi bei seiner Festrede anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2010 im Ernst Deutsch Theater 

zunächst möchte ich allen danken, die sich um den Preis beworben haben. Ihr habt Euch bemüht über mehr nachzudenken als nur über die Noten, die Freunde und die Ferien. Ihr habt Euch um das Zusammenleben der Menschen bemüht; um unsere Stadt, also um uns alle. Dafür einen Dank.
   
Ihr habt über andere Menschen nachgedacht; habt ihren Lebensweg verfolgt; habt die Vorbilder erkannt. Das ist wichtig. Und Ihr habt Euch bemüht wichtige Erinnerungen wach zu halten und an Menschen zu erinnern, die Opfer von Terror und Verfolgung waren. Dies darf nicht vergessen werden. Für all das ist Euch zu danken, denn eine solidarische, freie und demokratische Gesellschaft lebt von solidarischen, freien und demokratischen Bürgerinnen und Bürgern. Von nachdenklichen und mutigen Bürgern.
          
Natürlich braucht die Gesellschaft auch Ordnung, Gesetze, Regeln. Aber auch die beste demokratische Verfassung ist allein nichts ohne selbstbewusste, demokratische, ohne mutige Bürger. Weimar war dafür ein mahnendes Beispiel. Und deswegen seid Ihr alle, die Preisträgerinnen und Preisträger, denen ich besonders gratuliere, und alle anderen, die am Wettbewerb teilgenommen haben, für uns hoffnungsvolle, zuverlässige Bürgerinnen und Bürger für eine Zukunft, die viel von Euch verlangen wird.
                
Allerdings ist es mit der Zivilcourage so eine Sache. Sie lebt in der Zeit und in der Situation, und Vorbilder sind nur insoweit bedeutsam, als ihnen dann auch in der Situation wirklich gefolgt wird. Historische Vorbilder der Zivilcourage dienen nicht der Erbauung für die Nachgeborenen. Die Generation Ihrer Großeltern, oder richtiger Ihrer Urgroßeltern - soweit liegt das alles zurück, was in die Nazi-Zeit fällt; die stalinistische Diktatur ist allerdings viel näher. Diese Generation Eurer Vorfahren, also, hatte Fragen zu beantworten so schwerwiegend wie: Krieg oder Frieden? Freiheit oder totalitäre Herrschaft? Widerstand oder Anpassung? Und die Gefahren für die, die sich gegen die Mehrheit entschieden, waren immer verbunden mit Gefahren für Leib und Leben.
              
Soweit wir heute vorausschauen können, werden dies wohl nicht die wesentlichen charakterlichen Herausforderungen an Eure Generation sein. Zwar gibt es international gegenwärtig eine Diskussion in den Politischen Wissenschaften, ob die Diktaturen zurückkehren, und international mag es hierfür berechtigte Befürchtungen geben. Aber dies wird in Europa und in Deutschland, so wie es heute aussieht, nicht Euer Problem sein. Bedrohungen durch die so genannte rechte Szene gibt es zwar regional - besonders in Ostdeutschland - als Terror über das öffentliche zivile Leben. Ich verweise nur auf die so genannten „befreiten" Zonen. Aber für die Republik im Ganzen ist das eher ein Ärgernis, dem man entgegentreten sollte und muss, als eine Gefahr. Dasselbe gilt für die extremistische ,,Linke", die ja gar nicht „links" ist - weil sie eben nicht die „linke" Tradition der Aufklärung akzeptiert. Wir kennen sie in Hamburg als „schwarzen Block". Leute mit faschistischen Tendenzen, aus meiner Sicht!
                  
Heute ist der Tag im Kalender, der 27. Januar, an dem vor 65 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz von Sowjettruppen befreit wurde. Und wir gedenken, auch hier, heute dieses Tages in Trauer, Demut und Beschämung. Aber heute drohen von rechts oder links keine wirklichen Gefahren, jedenfalls nicht so lange das soziale gesellschaftliche System von Beschäftigung und erworbenem Wohlstand fortbesteht und im Gleichgewicht bleibt. Und hier sehe ich Eure wirklichen Herausforderungen für das, was in Eurem Leben Zivilcourage und den Satz,"Lass dich nicht einschüchtern" anbelangt. Denn dieses wirtschaftliche und soziale System, das uns bisher so ausgeglichen und erfolgreich gedient hat, ist bedroht, und wenn Ihr, die Preisträger, später einmal in wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Verantwortung stehen werdet, könnte diese Bedrohung sehr aktuell sein.
                          
Warum? Ein Beispiel: Die offene Welt, in der wir heute schon leben seit dem Mauerfall, seit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas, seit also der Zunahme der globalen Verflechtungen, bringt neue Wettbewerber mit niedrigeren Kosten auf unsere Märkte hier, bei uns zu Hause und für unsere Exporte, auf den Weltmärkten. Das aber heißt: Unser Wohlstand kann nur durch größere Leistung mit niedrigeren Kosten verteidigt werden.
             
Da wir die Freiheit wollen, auch die Freiheit an den Grenzen, können wir den globalen Wettbewerb nicht umgehen. Das aber wird bedeuten, dass wir sehr beweglich werden müssen, um zu reagieren auf diesen Wettbewerb und dass wir auch auf manches werden verzichten müssen, das heute unverzichtbar erscheint. Wie es viele einzelne Betriebe schon heute tun müssen, um zu überleben. Da wird das Weihnachtsgeld oder auch das Urlaubsgeld gestrichen; da wird auf Lohnanteile verzichtet; da werden unentgeltliche Überstunden gefahren; da werden Stellen mit Zustimmung von Gewerkschaften und Betriebsräten abgebaut. Mutige Betriebsräte sind es, die so entscheiden.
                 
Das alles heißt, wir werden alle länger arbeiten müssen in Zukunft, ohne mehr Geld dafür zu bekommen - also vielleicht alle wieder 40 Stunden. Wir werden auch im Leben länger arbeiten müssen. Es kann ja nicht funktionieren, dass wir alle älter werden, längere Ausbildungszeiten haben, aber dann nicht länger arbeiten, sondern mit unseren längeren Renten die arbeitenden Menschen übermäßig belasten. Die ,,Rente mit 67" ist dafür heute das Stichwort.
               
Nun komme ich zum Kern meiner Gedanken für Euch: Wie verhält man sich, wenn man das verstanden hat? Zum Beispiel als Delegierter auf einem Gewerkschaftskongress? Lässt man die alten Forderungen aus einer alten Zeit immer wieder unwidersprochen wiederholen, oder steht man in der Versammlung auf und sagt, wo dies notwendig ist, auch seine abweichende Meinung? Wir werden gezwungen durch die internationale Entwicklung und wegen der neuen Konkurrenten zukünftig durch eine lange Periode notwendiger Verzichte zu gehen, um zu bestehen. Wer hat den Mut das zu vertreten? Da wird dann die Probe auf's Exempel für Zivilcourage gemacht und nicht im politischen Widerstand wie in Zeiten der Nazis oder Stalins.
            
Zivilcourage wird wirklich zivil sein müssen, der Bürger wird als Bürger gefordert sein, das ist schon heute so. Und das wird immer wichtiger werden. Denn es gibt nicht nur eine Moral der Menschenrechte und Barmherzigkeit, es gibt auch eine Moral der Vernunft.
              
Es gehört nämlich zur Zivilcourage, die Fakten hinter den gesellschaftlichen Vorgängen mutig zu erfragen, auch wo sie unbequem sind, und die Augen nicht bequem zu verschliessen. Es gibt eben auch eine Moral, eine Verantwortung zu wissen, was man wissen könnte und sollte, und dann danach zu handeln!
                  
Ihr habt Euch im Wettbewerb um den BERTINI-Preis mit vielen wichtigen Fragen der Vergangenheit und zum Teil auch der Gegenwart befasst. Dafür war Eure Einsicht in die Geschichte verlangt, aber noch nicht Euer Mut für das Heute. Rüstet Euch für eine Zukunft, die wieder Mut von Euch verlangen wird, allerdings einen anderen als damals. Einen zivilen Mut. Einen Mut zu eigenen Meinung - oft gegen einen Strom egoistischer kurzsichtiger Interessen.
                 
Vielleicht solltet Ihr einmal solche Debatten miteinander üben? Einen Streit unter Euch führen, der nicht bequem denen Recht gibt, die allen Gutes tun wollen, ohne jemandem weh zu tun.
            
Denn das gibt es in der wirklichen Welt nicht und schon gar nicht in der politischen Welt, die Eure Zukunft bestimmen wird. Dafür kann und sollte man üben, Zivilcourage üben! Nämlich: Wie halte ich es aus, in der Minderheit zu sein, wenn andere eine falsche und vordergründige, aber populäre und oft nur scheinbar soziale Meinung vertreten? Wie viel zivile Courage habe ich dann?
         
Oder, ein anderes praktisches Übungsfeld: Wagt Ihr einem Lehrer höflich zu widersprechen, wenn Ihr das Gefühl habt ein Mitschüler wird nicht gerecht behandelt? Riskiert Ihr die da nicht Eure eigene Note?
                 
Nicht körperlicher Mut, ziviler Mut ist der Kern von Zivilcourage! Dafür wünsche ich Euch Selbstvertrauen, den Fleiß der Erkenntnis, den Mut zur eigenen Meinung und das Quäntchen Glück, das wir alle brauchen, wenn wir allein sind. Also: ,,Lasst Euch nicht einschüchtern", aber lasst Euch auch nicht entmutigen unpopuläre Erkenntnisse zu vertreten!
                
Denn, wie Perikles in seiner berühmten Totenrede nach Thukydides einst gesagt hat: Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut! Er meinte damals den Soldaten. Ich meine heute den Mut des normalen Bürgers, im Alltag der Demokratie.



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(Änderungsdatum: 17.06.10)