Stolpersteine
Sie setzten sich für das Verlegen von Gedenksteinen ein und forschten nach früherem jüdischem Leben im eigenen Stadtteil. Damit begann der etwas andere Geschichtsunterricht in der 9. Klasse der Hauptschule Möllner Landstrasse.
Wie weit unbewältigte Vergangenheit die Gegenwart belastet, erfuhr die 9. Klasse der Hauptschule Möllner Landstraße durch zwei ehemalige Mitschüler. Irina Golz und Alexander Parykin, die 2002 einen BERTINI-PREIS für ihr Engagement mit ehemaligen Zwangsarbeitern erhalten hatten, wollten einen Teil ihres Preisgeldes der Aktion Stolperstein spenden. Die Gedenksteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern an einzelne Opfer der Nazi-Zeit und sind bereits in vielen Stadtteilen verlegt worden. Jetzt sollten sie einem in Theresienstadt ermordeten jüdischen Ehepaar aus Bergedorf gewidmet werden. Doch Bezirkspolitiker lehnten die Verlegung zunächst ab. »Wir sprachen im Geschichtsunterricht darüber und waren der Meinung, dass man das, nachdem so was in Deutschland passiert ist, nicht verbieten darf«, sagt Jacqueline Groß (17) aus der Klasse 9 der Hauptschule Möllner Landstraße.
Das Motto: »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft«
Daraufhin machten die Jugendlichen mit ihren Klassenlehrerinnen und unterstützt von der Aktion »Sozial macht Schule« vom Arbeiter-Samariter-Bund aus ihrem theoretischen Unterricht ein praktisches Projekt. »Zuerst wollten wir rausbekommen, was die Bergedorfer eigentlich über die Aktion Stolpersteine wissen und welche Meinung sie dazu haben«, sagt Monty Böhmer (16). Die Jugendlichen erstellten Fragebögen und befragten Bergedorfer Passanten. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. »Ein älterer Mann hat uns richtig beschimpft«, so Monty. »Einige waren gegen die Verlegung, weil sie die alten Zeiten nicht wieder hochkommen lassen wollten«, sagt Tanja Klopp (15).
»Viele wussten aber auch einfach nichts über die Stolpersteine, wir haben es ihnen dann erklärt«, ergänzt Jacqueline. Um mehr über Hamburg im »Dritten Reich« zu erfahren, besuchte die Klasse während einer Projektwoche verschiedene historische Plätze wie die Gedenkstätte für die ermordeten Kinder am Bullenhuser Damm. Sie forschten im Museum für Hamburgische Geschichte, im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und bei der Forschungsstelle für Zeitgeschichte. »Wir fragten uns, ob auch in Billstedt Juden gelebt haben und was mit ihnen passiert ist«, berichtet Emil Licina (16). Die Schülerinnen und Schüler fanden heraus, dass an der Billstedter Hauptstraße, unweit ihrer Schule, das Ehepaar Roline und Daniel Isenberg gelebt und einen Schuhladen betrieben hatte. Sie suchten per Zeitungsaufruf Zeitzeugen und lernten eine Billstedterin kennen, die sich noch an die Isenbergs erinnern konnte. In Archivstudien fanden die Schülerinnen und Schüler schließlich heraus, dass das Ehepaar Isenberg deportiert und in Theresienstadt ermordet worden war. »Wir haben dann entschieden, für das Ehepaar zwei Stolpersteine zu stiften, und dazu in der ganzen Schule Geld gesammelt«, erzählt Emil. Die nötigen 150 Euro bekamen die Schülerinnen und Schüler zusammen. Am 20. November 2003 wurden die Steine verlegt. Auch bei der Verlegung der mittlerweile in Bergedorf gestatteten Stolpersteine waren die Schülerinnen und Schüler dabei. »Mit den Stolpersteinen wollten wir den Opfern ihre Namen zurückgeben«, erklärt Jacqueline. »Es war auch wichtig, Zeitzeugen zu treffen, die uns erzählten, wie es früher war«, betont Monty. Er ist Sinti, sein Großvater überlebte Auschwitz. »Er spricht aber kaum darüber«, sagt Monty.
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