Schuld ohne Sühne
Was geschah nach dem Krieg mit den Tätern, die im Konzentrationslager Neuengamme für tausendfache Morde verantwortlich waren? Wie viele von ihnen wurden zur Rechenschaft gezogen? der Schüler Janko Raab suchte Antworten.
Während seines Praktikums in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stieß Janko Raab (19) auf eine Frage, die ihn nicht mehr losließ: »Was geschah mit den Tätern nach dem Krieg? Wie viele von ihnen wurden überhaupt zur Verantwortung gezogen?« Zwischen 1938 und 1945 waren 106 000 Menschen in Neuengamme inhaftiert, darunter viele Zwangsarbeiter aus ganz Europa. 55 000 Häftlinge überlebten die unmenschliche Lagerhaft nicht. Sie starben aufgrund mörderischer Arbeitsbedingungen, verhungerten, wurden erschossen. Ausgeübt wurden die Verbrechen von der Lager-SS unter der Leitung des Kommandanturstabes des Lagers. »Durch Zufall bekam ich Prozess-Mitschriften von ehemaligen Häftlingen in die Hände. Sie hatten den Curio-Haus-Prozess protokolliert, in dem die Alliierten 14 Täter angeklagt hatten. Ich war bestürzt über deren Aussagen, denn viele zeigten überhaupt keine Reue«, erzählt Janko Raab. Er begann, sich mit den Themen Schuld und Sühne der NS-Verbrechen im KZ Neuengamme zu befassen. »Bei Ralph Giordano fand ich den Begriff der ›zweiten Schuld‹, welcher die Deutschen trifft, weil sie die NS-Verbrecher nicht zur Verantwortung zogen«, so der Schüler der Max-Brauer-Schule. Er entschloss sich, das Thema zum Gegenstand für eine Facharbeit im Rahmen des Geschichtsunterrichts zu machen. Sein Ziel: »Ein klares Ergebnis darüber, wie viele NS-Verbrecher des KZ Neuengamme strafrechtlich verfolgt worden sind.« Weil es kaum Gesamtdarstellungen zu diesem Thema gibt, bat Janko die Staatsanwaltschaft in Hamburg um Einsicht in Ermittlungsakten. »Sie haben mich an das Staatsarchiv verwiesen und dort konnte ich die Aktenauszüge lesen.
Ich stellte fest, dass viele der Verfahren eingestellt wurden, zum Teil weil die Opfer sich nicht mehr erinnern konnten, aber auch weil Richter befangen waren«, berichtet Janko Raab. Er forschte weiter. Aus Zeitungsberichten über die Prozesse, aus Büchern und Archivstudien trug er akribisch das Wissen für seine Arbeit zusammen. Dafür opferte er auch den größten Teil seiner Sommerferien. »Das Thema hat mich einfach gepackt«, so Janko. Seine Arbeit gliederte er in drei Hauptteile. Der erste Teil schildert die Gewalttaten im KZ Neuengamme, der zweite Teil widmet sich der strafrechtlichen Aufarbeitung am Beispiel des Curio-Haus-Prozesses und im dritten Teil geht es um die gesellschaftlichen und politischen Einflüsse in der Nachkriegszeit. Aus Berichten über die Nürnberger Prozesse und die Entnazifizierung ermittelte Janko: »Man lebte mit einer Schlussstrichmentalität. Der Wiederaufbau war wichtiger als die Nazi-Prozesse, die Entnazifizierung wurde von vielen als Bestrafung durch die Siegermächte aufgefasst.« Trotz intensiver Recherche konnte der Schüler nur 176 Namen von angeklagten oder verurteilten NS-Tätern ausfindig machen. 78 Prozesse hat es zu Neuengamme gegeben, obwohl nach Aussagen des letzten Lagerkommandanten rund 4000 Personen zu irgendeinem Zeitpunkt der Lager-SS angehörten. Nur die Hälfte derjenigen, die leitende Funktionen hatten, wurden verurteilt. »Beschämend ist auch, dass die deutsche Justiz weitaus weniger Täter strafrechtlich verfolgte als die Instanzen der Besatzungsmächte«, so Janko. Das Ergebnis von Janko Raabs Arbeit zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der politischen und moralischen Schuld des Einzelnen kaum stattgefunden hat. »Doch die Auseinandersetzung ist notwendig, auch für die Opfer ist es wichtig, dass man die Täter nennt«, meint Janko. Seine Arbeit wird er deshalb einer neuen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zur Verfügung stellen. Und einen Teil seines Preisgeldes hat er für die Jugendarbeit in der Gedenkstätte gestiftet.
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