Erinnerungsarbeit
Im Sonnenland in Billstedt errichteten neun arbeitslose Jugendliche ein Denkmal für ehemalige Zwangsarbeiter – und bekamen einen ganz anderen Einblick in ihren Stadtteil.
Kerim Birer (20), John Harrison (22), Reiner Riedel (18) und Marco Maass (16) leben in der Hochhaus-Siedlung Sonnenland in Billstedt. Die Jugendlichen sind arbeitslos und treffen sich häufig im Stadtteilprojekt Sonnenland. In der Initiative »Jobs aller Art« des Stadtteilprojektes können sie etwas Geld verdienen. Das Projekt vermittelt Gelegenheitsjobs. »Wir renovieren, helfen beim Umzug oder machen den Garten«, erklärt John die Aufgaben. Doch im vergangenen Jahr übernahmen die vier gemeinsam mit fünf weiteren jungen Billstedtern (mit Hamsa und Latis Afcilar, Patrick Hudemann, Christian Knoch und Dennis Maass) eine Arbeit, bei der es nicht nur um Geld, sondern auch um die Vergangenheit ihres Stadtteils ging. »Es fing an mit der Gedenktafel, die hier im Haus lagerte, sie war zerstört«, sagt Kerim Birer. »Sie hing mal an der Schule Glinder Au, aber wir haben sie nie richtig wahrgenommen«, fügt Reiner Riedel hinzu. Die Tafel erinnert an ehemalige Zwangsarbeiter. »Dort, wo jetzt die Siedlung Sonnenland steht, war früher eine Kiesgrube. Zwangsarbeiter mussten hier für Autobahnbau und Hafenbefestigungen Kies abbauen«, erklärt Boris Lotze (30), Leiter des Jobprojektes. Sie kamen aus dem Zwangsarbeiterlager der Kalksandsteinfabrik Joh. Thießen KG und wurden unter bewaffneter Polizeiaufsicht zur Arbeit gezwungen. In den 80er Jahren hatte sich die Sonnenländer Geschichtsgruppe mit dem Nationalsozialismus in der Region befasst. Zum Gedenken für die Zwangsarbeiter, die zwischen 1942 und 1945 ausgebeutet wurden, stiftete die Gruppe eine Gedenktafel mit der Botschaft: »Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verdammt, es noch einmal zu erleben.« Die Tafel wurde 1987 eingeweiht. Und wenige Jahre später war sie zerstört. Ihre Bruchstücke wurden seitdem im Stadtteilprojekt verwahrt.
Nach einer Ausstellung im Jahre 2002 mit dem Titel »Kirche - Christen - Juden« wurde das Thema »Zwangsarbeiter im Sonnenland« erneut aufgegriffen und es entstand der Wunsch, die Tafel zusammen mit einer Lore als Symbol für die schwere Arbeit im Steinbruch als Mahnmal aufzustellen. »Gemeinsam mit Pastor Michael Ostendorf überlegten wir, wo das Mahnmal stehen könnte. Es sollte ein Platz sein, an dem viele Passanten vorbeigehen«, erläutert Boris Lotze. Und die Jugendlichen sollten an dem Projekt beteiligt werden. An einer Böschung beim Fußgängeraufgang vom Sonnenland zum Oststeinbeker Weg begannen die neun jungen Männer des Jobprojektes schließlich, Büsche zu entfernen, ein Fundament aufzuschütten, Schienenstränge zu verlegen, die Lore zu verankern und die ausgebesserte Tafel zu befestigen. »Da kommen viele Leute vorbei. Die haben gefragt, was wir da machen. Wir haben dann erklärt, um was es geht«, erinnert sich Kerim Birer. Sie hatten sich vorher in Gesprächen mit Mitgliedern der ehemaligen Geschichtsgruppe informiert. »Für uns war das auch neu, dass hier Zwangsarbeiter waren«, erzählt Marco Maass. Nicht alle Billstedter waren mit dem Mahnmal einverstanden, es gab auch Anfeindungen. »Der Pastor bekam auch Drohungen, das Alte sollte nicht wieder aufgewühlt werden«, so Kerim Birer. Am 1. September 2003 wurde das Mahnmal mit einer Feier eingeweiht. Schon hier fand die Arbeit der Jugendlichen Anerkennung. Richtig stolz machte die neun Billstedter dann der BERTINI-PREIS. »Da waren wir mal keine Ghettokids«, sagt Marco Maass.

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