Fahndungsauftrag M.
Auf das Unrechts-Regime der DDR wollten Birte Gill, Corinna Mertz und Sarah Kegat aufmerksam machen. Dazu analysierten sie die Stasi-Akte einer 19-jährigen, die wegen ihres Fluchtplans in Haft kam – Birtes Mutter.
„Meine Mutter saß ein halbes Jahr in Haft. Ihr ‚Verbrechen' war, dass sie einen Westler kannte", erzählt Birte Gill (19). Sie lebte damals in der DDR und hatte sich 1977 in einen westdeutschen Studenten verliebt - Birtes Vater. Als sie sich entschloss, zu ihrem Freund in den Westen zu gehen, geriet sie ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit(MfS).
Birte Gill wollte mehr wissen über diesen Staat, der seine Bürger unterdrückte, bespitzelte, einsperrte, und sprach mit ihren Freundinnen Corinna Mertz (19) und Sarah Kegat (18) darüber. Gemeinsam entschlossen sich die Schülerinnen des Gymnasiums Heidberg, zu diesem Thema eine BLL, eine „Besondere Lernleistung", anzufertigen. „Wir wussten wenig über diese Zeit, denn unser Geschichtsunterricht hört 1945 auf", begründet Corinna Mertz den Entschluss. Als Quelle für die Arbeit analysierten die Schülerinnen die Stasi-Akte von Britta Michaelis, Birtes Mutter. „Die Stasi hatte eine 1000 Seiten starke Akte über sie angelegt. Sie dokumentiert in fünf Teilen Phasen wie die Überwachung oder die Haft und die Zeit danach", erklärt Corinna Mertz.
Die Akte, die die Eltern in der Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR eingesehen hatten, lag in kopierten Auszügen zu Hause vor. Zunächst mussten die Schülerinnen den Wust von Zetteln sortieren. „Erschreckt hat uns, was alles dokumentiert wurde", erzählt Sarah Kegat: abgefangene Briefe, Telefongespräche, Beobachtungen durch informelle Mitarbeiter (IM) des Staatssicherheitsdienstes - kurz „Stasi". „Selbst wenn sie so belanglos waren, wie: ‘Sie hat ein Eis gekauft und gelächelt.'" Auch Belobigungen der Stasi-Mitarbeiter wurden festgehalten. „Meine Mutter erfuhr erst aus der Stasi-Akte, dass ein Kommilitone sie bespitzelt hatte. Sie war schockiert, weil sie ihn gern mochte", berichtet Birte.
Die Schülerinnen erfuhren aus der Akte, wie die Stasi vorging. „Birtes Mutter wurde nicht von der Straße weg verhaftet, sondern aufgrund eines denunzierenden Briefes. Der Brief war aber gefälscht", sagt Corinna Mertz. Wegen geplanter „Republikflucht" und „Kontakte zum Staatsfeind" wurde die damalige Studentin zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. „Zu Beginn der Haft erhielt sie Erleichterungen, etwa eine Leseerlaubnis. Man wollte sie als Spitzel anwerben", sagt Sarah Kegat. Doch Birtes Mutter ließ sich nicht beirren. Nach einem halben Jahr wurde sie im Rahmen einer Amnestie zum 30. Geburtstag der DDR aus der Haft entlassen.
Sie durfte jedoch nicht weiter studieren, sondern musste in einer Fabrik arbeiten. Mutig entzog sie sich allen Maßnahmen der so genannten „Eingliederung". „Sie lehnte Beförderungen ab und machte klar, dass sie nicht in der DDR bleiben wollte", berichtet Sarah Kegat. Auch diese Zeit ist in einem Teil der Akte dokumentiert. Und nachdem die Mutter schließlich von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft wurde und ausreiste, belegt ein letzter Teil der Akte die Überwachung der in der DDR lebenden Familie.
„Nicht alles, was in der Akte stand, haben wir verstanden. Es wurde viel mit Abkürzungen gearbeitet", erzählt Corinna Mertz. Ein typisches Kürzel: „Fahndungsauftrag M". So benannten die Schülerinnen ihre Arbeit. „‘M' steht für die Postkontrolle, das heißt, dass alle Briefe geöffnet wurden, bevor sie an die Empfängerin gingen", erklärt Corinna Mertz. Für die vielen Fragen, die während der Analyse auftauchten, holten sich die Schülerinnen in Berlin Hilfe bei Norbert Püschl, einem Mitarbeiter des Dokumentationszentrums für die Stasi-Unterlagen.
Nach der Analyse der Akte und historischer Hintergründe kamen die Schülerinnen in ihrer Arbeit zu folgendem Ergebnis: „Wir hatten es nach der NSZeit mit einer weiteren deutschen Diktatur zu tun, die Menschen zu brechen imstande war." Auch nachdem sie die Arbeit abgeschlossen haben, wollen sie sich weiter engagieren. An ihrer Schule organisierten sie bereits Vorträge mit Experten über die Methoden der Stasi und sie planen eine Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen. Birte stellt fest: „Es darf nicht vergessen werden, was an Unrecht in der jüngeren deutschen Geschichte geschehen ist."
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