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Schicksale der Nachbarn

In Volksdorf stellten sich 35 Konfirmandinnen und Konfirmanden der Vergangenheit in ihrem Stadtteil. Sie gingen den Biografien jüdischer Bürger nach und sorgten für ein würdiges Gedenken.

die Preisträger der Arbeit ''Schicksale der Nachbarn'' 2003Im Juli 1942 erhielt Gustav Jordan den folgenden Brief: »Ihre Evakuierung ist angeordnet. Ihr Vermögen ist mit sofortiger Wirkung beschlagnahmt, jede Verfügung über Ihr Vermögen wird bestraft. Aus diesem Grunde haben Sie sich unter Vorlage Ihrer Kennkarte (...) am 18. Juli 1942 in der früheren Provinzialloge für Niedersachsen einzufinden ...« Absender war die Geheime Staatspolizei; Gustav Jordan war Jude. Er besaß das Haus Horstlooge 35 in Volksdorf. Dorthin waren schon die Lehrerin Gella Streim und das Ehepaar Clara und Theodor Tuch zwangsumgesiedelt worden. Auch sie erhielten Evakuierungsbefehle. Gustav Jordan und das Ehepaar Tuch wurden 1942 im Konzentrationslager Treblinka ermordet. Gella Streim blieb verschollen und ist vermutlich im Vernichtungslager Chelmo umgebracht worden. Vier von insgesamt neun Opfern der Nationalsozialisten, die die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde St. Gabriel aufspürten. Sie ergründeten die Schicksale der Menschen, die einmal die Nachbarn der Volksdorfer waren. »Ich hatte mich schon mit der NS-Herrschaft beschäftigt und wollte durch das Projekt einen persönlichen Bezug zu dem finden, was hier in meiner Nachbarschaft passiert ist«, sagt Konfirmand Daniel Schmidt (15). Die Idee zum Projekt hatte die pensionierte Lehrerin Ursula Pietsch. »In einer Schrift über 700 Jahre Volksdorf tauchten die jüdischen Familien, die hier lebten, nur als Fremde in Volksdorf auf. Ich wollte, dass ihre Existenz nicht länger totgeschwiegen wird«, so Ursula Pietsch. Deshalb recherchierte sie die Namen und Wohnorte der vertriebenen und ermordeten Bürger. Etwa die der jüdischen Familie Liebermann, des Christen mit jüdischen Vorfahren Max Fraenkel oder des ehemaligen Walddörfer-Gymnasiasten Herbert Pincus. Gemeinsam mit Jugendlichen wollte sie deren Lebenswege aufzeigen. Nachdem sie mit Pastor Claus-Friedrich Dierking Kontakt aufgenommen hatte, schlug sie schließlich den Konfirmandinnen und Konfirmanden ihr Projekt vor - 35 von ihnen machten mit. »Wir haben uns in acht Gruppen aufgeteilt. Sieben Gruppen kümmerten sich jeweils um eine Familie oder Person, die achte Gruppe um jüdische Kinder«, sagt Mailin Bäumer (15). Ihre Gruppe befasste sich mit der Ingenieursfamilie Liebermann. »Wir fuhren zu der Villa, in der die Familie gewohnt hatte, und sprachen mit dem Nachbarn Herrn Hartjen, dessen Familie die Liebermanns gekannt hatte«, erzählt Marius Krull (14). Die Jugendlichen erfuhren von der Flucht der Liebermanns vor der Gestapo und der Hilfe, die Nachbar Hartjen den Verfolgten leistete. »Wir haben in einem Flyer aufgeschrieben, was der Familie passierte«, berichtet Daniel. Das taten auch die anderen Gruppen für die insgesamt neun verfolgten Volksdorfer. Die Jugendlichen hatten sich zuvor mit vielen Zeitzeugen unterhalten und luden sie schließlich auch zu einer Gedenkfeier in der Aula des Walddörfer-Gymnasiums ein.
   
»Es ist wichtig, die Namen der Opfer zu nennen. Wir haben Ansprachen gehalten, Musik gemacht und unsere Flyer verteilt«, sagt Mailin. Mit der Gedenkfeier hatten die Jugendlichen das Thema öffentlich gemacht. »Es wurde zum Gesprächsstoff in unserem Stadtteil«, erzählt Daniel. Die Jugendlichen setzten sich auch für das Verlegen von so genannten »Stolpersteinen« ein, so für den Walddörfer-Schüler Herbert Pincus, für den ein Stolperstein auf dem Schulhof des Walddörfer-Gymnasiums verlegt wurde. Obwohl das Projekt abgeschlossen ist, treffen sich die Konfirmandinnen und Konfirmanden auch weiterhin mit Zeitzeugen. »Man erfährt immer noch Neues«, sagt Mailin. Ihr Preisgeld stiften die engagierten jungen Volksdorfer für »Jugendliche, denen es schlechter geht als uns«, so Mailin. Es geht an ein Schulprojekt in Afghanistan, an Aids-Waisen in Südafrika und an die Karl-Heinz-Böhm-Stiftung in Äthiopien.



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(Änderungsdatum: 26.08.09)