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Reden ist Gold

Bis zur Pause war der 3. Dezember 2003 ein ganz normaler Schulvormittag für die Schülerin Elaha Hakim (23) und ihren Mitschüler Jens Krause (27). Beide besuchten die Fachoberschule im Berufsschulzentrum Bergedorf. Doch an jenem Tag stürmte eine Gruppe junger Tschetschenen die Schule und ging auf afghanische Schüler los. Als es zur Schlägerei kam, gab es für Elaha Hakim und Jens Krause nur eine Wahl: hinsehen und helfen.

Wie hast du den Überfall erlebt?
 
zwei Fäuste auf gelbem UntergrundJens Krause: Ich stand auf dem Pausenhof und sah drei maskierte Jugendliche auf die Schule zukommen, weitere Jugendliche folgten. Sie hatten sich mit Baseballschlägern und Knüppeln bewaffnet und stürmten ins Schulgebäude. Das sah böse aus, die kamen an wie ein Rollkommando. Deswegen habe ich sofort in der Polizeieinsatzzentrale angerufen und sicherheitshalber drei Rettungswagen geordert. Weil ich Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr bin und eine Ausbildung im Rettungsdienst habe, wusste ich, was zu tun war, aber das hätte auch jeder andere gekonnt. Ich bin dann auch in das Schulgebäude reingegangen und traf dort auf Elaha. Wir kennen uns, weil wir beide Klassensprecher in unseren Klassen sind.
 
Was passierte im Schulgebäude?
 
Elaha Hakim: Ich kam vom Pausenhof und sah, wie es im Gebäude zur Schlägerei kam. Alles ging ganz schnell. Ich wusste zunächst nicht, um was es geht. Erst nach und nach habe ich mitbekommen, dass die tschetschenischen und afghanischen Jugendlichen sich schon länger bekriegen. Erst mal habe ich die verletzten und angegriffenen Schüler auf Dari angesprochen. Das ist meine Muttersprache, denn ich stamme selber aus Afghanistan. Ich habe dafür gesorgt, dass sich die Schüler im Sekretariat in Sicherheit bringen. Wir haben uns dort eingeschlossen und die Polizei angerufen. Jens kümmerte sich um die Verletzten.
 
Wie viele Verletzte hat es gegeben?
 
Jens Krause: Es gab insgesamt zwölf Verletzte, drei von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden.
 
Schließlich traf die Polizei ein. Was geschah dann?
 
Elaha Hakim: Sie haben uns erst mal mit den Jugendlichen reden lassen. Das war gut so. Ich hatte ein Gespräch der Schüler auf Dari mitbekommen, in der sie schon Zeit und Ort für den Gegenangriff planten. Das habe ich dann der Polizei gesagt, so dass die nächste Schlägerei verhindert werden konnte.
 
Dass es nicht zu noch schlimmeren Eskalationen kam, ist eurem konsequenten Handeln zu verdanken. Hattet ihr keine Angst?
 
Elaha Hakim: Ich hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe getan, was in meiner Macht stand.
 
Jens Krause: Ich gehe eher systematisch vor, gucke, wer ist verletzt, was ist zu tun?
 
Und was taten eure Mitschüler?
 
Elaha Hakim: Viele haben geguckt, aber nichts weiter unternommen. Es muss ja niemand den Helden spielen und sich selber in Gefahr bringen. Aber es wäre gut gewesen, wenn sie vielleicht gefragt hätten, ob wir Hilfe brauchen.
 
Wie ging es weiter an der Schule, wurde der Konflikt beigelegt?
 
Jens Krause: Der Schulleiter Herr Lund, der an dem Tag des Überfalls nicht in der Schule war, hat Konsequenzen gezogen. Er hat die Pausenaufsicht verstärkt und in jeder Klasse wurde über den Vorfall gesprochen. Es gab einige Tage später auch eine Konferenz mit dem Schulleiter, der Polizei, einigen afghanischen und tschetschenischen Kontrahenten und deren Eltern. Die Jugendlichen haben dann mit Handschlag den Konflikt beendet.
 
Ihr würdet wieder helfen?

Elaha Hakim und Jens Krause

Elaha Hakim: Auf jeden Fall. Mich hat eine eigene schlechte Erfahrung geprägt. Als ich acht Jahre alt war, bin ich zusammen mit meinem jüngeren Bruder von Skinheads verprügelt worden. Das war vor dem Eingang eines Schnellrestaurants. Die Leute, die drinnen saßen, konnten das sehen, aber keiner hat uns geholfen. Seitdem habe ich mir geschworen, ich werde immer helfen und handeln, wenn jemand bedroht wird.
 
Jens Krause: Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich weggehen und später erfahren würde, dass jemand zu Schaden gekommen ist. Man kann von jedem erwarten, dass er wenigstens die Polizei ruft.
 
Ist das für dich Zivilcourage?
 
Jens Krause: Unter Zivilcourage verstehe ich: Aufstehen und Halt sagen! Ich überlege und schaue, wie ich am besten helfen kann.

Reden ist Gold - Handschlag auf gelben Untergrund



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(Änderungsdatum: 26.08.09)