Wie Geschichte ein Gesicht bekommt
Florian Skupin (19) und Sebastian Richter (18) vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium sorgten mit einem Buch, einer Unterrichtseinheit und einer Veranstaltung dafür, dass mehr Menschen auf die Lebensgeschichten verfolgter Juden in der NS-Zeit aufmerksam wurden.
Ihr habt ein Buch herausgegeben, in dem sieben jüdische Überlebende des Holocaust über ihre Schicksale berichten, wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Arbeit mit den Zeitzeugen?
Florian Skupin: Die Idee kam uns 2005, als wir in der Schule bei einem Gespräch mit zwei jüdischen Zeitzeugen von einem der Gäste, Zwi Helmut Steinitz, erfuhren, dass er ein Manuskript über sein Schicksal geschrieben hatte und keinen Verleger dafür fand.
Sebastian Richter: Als in der 9. Klasse das in der Schule regelmäßig stattfindende Projekt „Schülerfirma" begann, erinnerten wir uns an die Worte von Herrn Steinitz. Wir wollten sein Manuskript herausgeben, mussten aber feststellen, dass er inzwischen einen Verleger gefunden hatte. Daraufhin entschlossen wir uns, andere Zeitzeugen zu suchen, nach ihren Erfahrungen während der NS-Zeit zu befragen und ihre Schilderungen zu veröffentlichen, denn das Thema war uns wichtig geworden.
Wo habt ihr die Zeitzeugen dann gefunden?
Florian: Der israelische Verein ‚Yad Ruth', zu Deutsch ‚Helfende Hand', organisiert Zeitzeugenreisen nach Deutschland. Über ihn bekamen wir Kontakte zu Überlebenden des Holocausts. Wir haben die heute in Israel lebenden Menschen angeschrieben und mit ihnen Interviews geführt, als sie in Deutschland auf Lesereise waren.
Sebastian: Sie haben uns ihre erschütternden Erlebnisse während der Nazi-Zeit geschildert, etwa über das Leben und das Sterben im KZ Auschwitz und im Warschauer Ghetto. Die Berichte haben wir in unserer Schülerfirma zusammen mit Mitschülern bearbeitet und in dem Büchlein „Weitergelebt - Sieben jüdische Schicksale im Zweiten Weltkrieg" veröffentlicht.
Als euer Projekt beendet war, habt ihr die Arbeit fortgeführt, warum?
Florian: Wir fanden die Berichte so wichtig, deswegen haben wir uns in der 12. Klasse überlegt, wie wir noch mehr Menschen mit unserem Buch erreichen können. Zunächst haben wir nach Ablauf unseres Projektes die Nachfolge-Schülerfirma beraten. Die Gruppe kümmerte sich um den Vertrieb des Buches. Dann kam uns die Idee, das Buch mit den Lebensgeschichten in den Geschichtsunterricht zu integrieren. Dafür haben wir ein eigenes Konzept entwickelt.
Was ist bei eurem Konzept anders als beim üblichen Geschichtsunterricht?
Sebastian: Uns geht es bei unseren Unterrichtseinheiten nicht in erster Linie darum, historische Fakten und Zahlen zu vermitteln, sondern auf die menschliche Seite einzugehen, zu schauen, wie es den Menschen ergangen ist. Mit ihnen bekommt Geschichte ein Gesicht.
Und dabei hilft Euer Konzept?
Sebastian: Um die Unterrichtseinheiten abwechslungsreich zu gestalten, verwendeten wir für unser Konzept verschiedene Arbeitsformen. Das heißt die Schülerinnen und Schüler befassen sich in Kleingruppen mit den Erfahrungsberichten, indem sie Fragen an die Texte stellen und die einzelnen Schicksale später im Plenum präsentieren. Um weitere Denkanstöße zu geben, beinhaltet das Konzept auch Diskussionen, etwa über das Aquarell einer Schülerin, das auf dem Buchcover dargestellt ist und über die provokant formulierte Frage: „Welches Leid ist das schwerste?"
Florian: Die Frage soll zu der Erkenntnis führen, dass jedes Leid individuell und gar nicht mit einem anderen vergleichbar ist. Und durch die verschiedenen Aufgaben bekommen die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich in die Lage der Zeitzeugen zu versetzen. Insgesamt haben wir elf Arbeitsblätter für zehn Unterrichtsstunden erstellt, inklusive einer Erläuterung für Lehrkräfte.
Damit war euer Engagement aber noch nicht beendet ...
Sebastian: Wir wollten mit unserem Projekt ja auch die Zeitzeugen würdigen und deshalb sollten sie auch öffentlich zu Wort kommen. So haben wir am 24. September 2008 eine Veranstaltung im Harburger „Rieckhof" mit vier Zeitzeugen organisiert und moderiert. Zudem überreichten wir dort dem Verein „Yad Ruth" einen Spendenscheck in Höhe von 1.000 Euro aus dem Erlös unseres Buchverkaufs. Wir möchten den Verein unterstützen, weil wir es wichtig finden, dass auch weiterhin Zeitzeugen nach Deutschland kommen, um von den wahren Geschehnissen während des Nationalsozialismus zu berichten.
Wie kam die Veranstaltung an?
Florian: Der Abend kam bei den rund 300 Besuchern sehr gut an. Es gab Lesungen, passende musikalische Begleitung und eine Fragerunde, in der ganz individuelle Fragen an die Überlebenden des Holocaust gestellt werden konnten. Auch die vier Gäste freuten sich, dass sie so ein großes und interessiertes Publikum vorfanden.
Warum ist die Zeitzeugenarbeit für euch so wichtig?
Sebastian: Wir möchten erreichen, dass die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten, dass die Darstellung der persönlichen Schicksale jedem die Augen öffnet und jeder dafür sorgt, dass solche Verbrechen nicht wieder passieren können.
Was macht ihr mit eurem Preisgeld?
Florian: Wir haben inzwischen eine Firma gegründet mit der Internetadresse www.lernen-von-zeitzeugen.de. Wir vertreiben hierüber unser Unterrichtskonzept und unser Buch. Und wir weisen zusätzlich auf Veranstaltungen hin. Die eine Hälfte des Preisgeldes werden wir dort reinvestieren, die andere Hälfte für weitere Zeitzeugenaktivitäten an den Verein spenden.
Artikel drucken
Lesezeichen setzen