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Das letzte Lebenszeichen

Die beiden Schülerinnen Christina Ewald und Vanessa Blasek vom Heisenberg-Gymnasium waren tief bewegt von der Lebensgeschichte der Hamburgerin Inge Hutton und zeichneten sie in einer Dokumentation auf.

Bei einem Zeitzeugengespräch in ihrer Schule wurden Christina Ewald (17) und Vanessa Blasek (16) zum ersten Mal auf die Lebensgeschichte Inge Huttons aufmerksam. Die heute 88-Jährige wuchs als Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter in Hamburg auf. Halbjüdische Familienmitglieder wurden von den Nazis als sogenannte Geltungsjuden behandelt und ebenso ausgegrenzt und verfolgt wie Juden.

               

Die beiden Schülerinnen waren sehr berührt darüber, was Inge Hutton aus ihrer Jugend erzählte und wollten mehr über ihr Leben und ihr Überleben erfahren. Es entstand der Plan, die Vor dem Tod in AuschwitzLebensgeschichte der Zeitzeugin in einer Dokumentation aufzuschreiben, „um die Geschehnisse auch für andere Jugendliche nachvollziehbar darzustellen", berichtet Vanessa. Unterstützung fanden sie bei dem ehemaligen stellvertretenden Leiter des Heisenberg-Gymnasiums Klaus Möller. Der engagierte Geschichtslehrer hatte bereits mehrere Projekte von Heisenberg-Schülern begleitet, die die Verbrechen der NS-Zeit aufarbeiteten. Viele wurden mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet.

             

Bevor Christina und Vanessa sich mit Inge Hutton zu persönlichen Gesprächen trafen, suchten sie nach Material zum Einlesen in der „Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg" und dem „Institut für die Geschichte der deutschen Juden". Von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Instituts Dr. Beate Meyer erhielten sie Kopien von drei Interviews, die die Wissenschaftlerin mit Inge Hutton geführt hatte. Auch in dem Buch „Als unsichtbare Mauern wuchsen: Eine deutsche Familie unter den Nürnberger Rassegesetzen" erfuhren sie vieles über das Leben von sogenannten Geltungsjuden. Die Autorin Ingeborg Hecht, eine langjährige Freundin von Inge Hutton, hatte ebenfalls einen jüdischen Vater.

             

Inge Hutton, geborene Pein, lebte mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester ursprünglich in Harvestehude. Alfred Pein betrieb einen Ledersohlenfachhandel. Doch aufgrund der Weltwirtschaftskrise und dem Druck der Nazis musste er Insolvenz anmelden. „Er fand keine neue Arbeit und die Familie musste in eine kleinere Wohnung ziehen", berichtet Christina. Inges Mutter, die nach der Heirat zum Judentum konvertiert war, verkraftete den Druck und den sozialen Abstieg nicht. 1939 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und wechselte wieder zum Christentum. „Inge, die sehr an ihrem Vater hing, blieb bei der Mutter wohnen, um sie zu unterstützen", erzählt Vanessa. Vom Gymnasium war sie mit der Mittleren Reife abgegangen, weil sie kein Abitur machen durfte. Sie begann eine Ausbildung in einer Hausmaklerfirma. „Sie konnte nur in jüdischen Firmen arbeiten und in der Freizeit ging sie kaum aus, weil sie Angst hatte, als Jüdin erkannt zu werden", sagt Vanessa.

             

Noch bevor auch die Geltungsjuden von den Nazis verfolgt wurden, wagte sich Inge Hutton zur Gestapo, um sich nach der Möglichkeit einer Ausreise für ihren Vater zu erkundigen. Sowohl der Vater als auch ihre Mutter hofften, wenn der Vater ausreiste, würden seine christliche Frau und die beiden Kinder nicht verfolgt. „Mit ihren blonden Haaren und blauen Augen sah sie für die Nazis sehr arisch aus. Ein Gestapo-Mann sagte: ‚Ich wusste gar nicht, dass Juden so schöne Töchter haben‘", zitiert Christina.

         

Die geplante Ausreise des Vaters nach Shanghai gelang nicht. Am 11. Juli 1942 wurden er und seine zweite Ehefrau, die Jüdin Emmy Süß, und deren Mutter vom Logenhaus an der Moorweidenstraße deportiert. Sie hatten die Aufforderung bekommen, sich dort einzufinden und vermuteten, sie würden nach Warschau gebracht. Doch wahrscheinlich kamen sie nach Auschwitz und starben dort. Inge Hutton, die sich am Abend zuvor von ihrem Vater verabschieden musste, sah ihn nie wieder. Eine Familie in Harburg erhielt noch eine Postkarte von ihm, auf der stand: „Vor dem Tod in Auschwitz letzte Grüße an die Verwandten in Harburg." „Vermutlich hat jemand die Karte auf den Bahngleisen gefunden, auf denen der Deportationszug entlang rollte, und an die Familie geschickt. Es ist das letzte Lebenszeichen des Vaters", berichtet Vanessa. Für Christina und Vanessa war klar, dass dieses erschütternde Zeugnis der Titel ihrer Arbeit sein würde.

   

Obwohl sie sich gut vorbereitet hatten, waren die Schülerinnen vor dem Treffen mit Inge Hutton doch etwas aufgeregt. „Es ist ganz etwas anderes mit ihr zu sprechen, als über sie zu lesen", erklärt Vanessa. „Wir haben sie als beeindruckende, starke Persönlichkeit kennengelernt, die bei allem, was sie erlebt hat, noch weltoffen geblieben ist", ergänzt Christina. Die Schülerinnen besuchten Inge Hutton mehrmals, interviewten sie, machten mit ihr einen Rundgang durchs Grindelviertel. Sie erfuhren, dass auch Inge Hutton kurz vor der Deportation stand. „Sie hatte 1944 einen Sohn zur Welt gebracht, den sie beim Standesamt angemeldet hatte. Offensichtlich wurde sie von dort verraten, denn sie bekam kurz darauf eine Vorladung von der Gestapo. Man sagte ihr, ‚Sie wissen, dass Sie Geltungsjüdin sind, Sie hören von uns‘", berichtet Christina. Doch sie hörte zum Glück nichts mehr, zu Kriegsende hatten die Nazis vermutlich alle Akten vernichtet.
   
Nach dem Krieg traf sie Max Hutton, geborener Horwitz, wieder, den sie aus Kindertagen kannte. Er war mit seiner Schwester von den Eltern nach England geschickt worden, um den Nazis zu entkommen. Nach dem Krieg kam er nach Hamburg zurück, er heiratete Inge und adoptierte ihren Sohn.
   
Die Schülerinnen hielten die bewegende Geschichte auf 82 Seiten fest. Sie schrieben ein halbes Jahr an der Dokumentation, opferten dafür ihre Freizeit. Und empfanden ihren Einsatz als Gewinn: „Mit Betroffenen direkt über die Geschehnisse zu sprechen, ist viel besser, als sie aus dem Geschichtsbuch zu lernen", sagt Vanessa. Ein Teil ihres Preisgeldes haben die Schülerinnen für Stolpersteine gespendet.



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(Änderungsdatum: 28.08.09)