Rede von Ralph Giordano
anlässlich der Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2010 im Ernst Deutsch Theater
Meine lieben Schülerinnen und Schüler, liebe Anwesende, Sie alle, wie Sie hier versammelt sind,
an den Anfang eine Geschichte, die sich vor langer Zeit zugetragen hat, aber doch eng mit unserer Gegenwart verbunden ist.
Sie geht zurück auf den 15. Oktober 1945, es war also noch kein halbes Jahr her, dass meine Familie und ich befreit worden waren, nach zwölf Jahren, die wie hundert zählten, noch ungläubig, dass wir Hitler und sein Deutschland überlebt hatten. In meinen Memoiren „Erinnerungen eines Davongekommenen" heißt es dazu:
„Für mich galten die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr. Ich ging nicht, ich schwebte, ich atmete nicht, ich trank die Luft wie Nektar; ich dehnte mich, bis der Brustkorb zu zerspringen drohte - Freiheit, Freiheit! Und das war vor allem die Freiheit von Angst, von der Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod. Nicht, weil wir uns auf die Straße gestellt und „Nieder mit Hitler!" geschrien hätten, sondern weil da waren auf der Welt - unser Verbrechen war unsere jüdische Existenz. Das war nun vorbei, die Angst historisch. Das Erstaunen, nein, das überglückliche Entzücken darüber hat mich nie verlassen, bis in unsere Tage, also in die Mitte meines neunten Lebensjahrzehnts."
Und so war mir also auch an jenem 15. Oktober 1945, dem Tag, an dem „es" geschah. Was?
Vor mir auf der Grindelallee geht, neben sich zwei Frauen, ein hochgewachsener Mann, der heftig gestikuliert und plötzlich laut ausruft: „Die Juden, die Juden sind an allem schuld!"
Das bereut er allerdings im nächsten Augenblick, denn ich sause ihm von hinten in die Kniekehlen, dass er hinfällt, und bearbeite ihn am Boden so heftig mit Fäusten, Nägeln und Zähnen, bis mir die Luft schwindet. Das nutzt der Kerl, der doppelt so schwer ist wie ich, um aufzuspringen und wegzulaufen, wie ein Sprinter, der alles hinter sich lässt, auch die beiden Frauen, denen er seinen antisemitischen Unflat zugerufen hatte: „Die Juden, die Juden sind an allem schuld!" Mir war, als hätte mich ein Blitz getroffen: Was war da eben geschehen?
Das hätte bis vor kurzem noch niemand öffentlich laut auszusprechen gewagt in diesem Land, dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf einen Schlag sämtliche Nazis abhanden gekommen waren und wo unisono alle Widerstandskämpfer gewesen sein und Juden versteckt haben wollten - so viele Juden, wie es in Deutschland gar nicht gegeben hatte.
Also - was hatte sich da getan?
Etwas ganz Elementares - ein nahezu kollektiver Vergeltungsschock war beendet! Beendet die Furcht, als Besiegte von den Siegern so behandelt zu werden, wie nur allzu viele Deutsche als Sieger die Besiegten behandelt hatten. Als sich das als Irrtum herausstellte, als die alttestamentarischen Racheängste nicht eintrafen, kam der braune Adam bei nur allzu vielen allzu rasch wieder durch.
Ich aber hatte da auf der Grindelallee eine Lektion erhalten, eine Standpauke politischer Befindlichkeit: „Hitler, und alles, was der Name symbolisierte, ist zwar militärisch geschlagen, nicht aber auch schon geistig, oder besser ungeistig."
Hier verlief also die Front der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, und mit dem, was er angerichtet hatte in Herz und Hirn der Nation; hier würden die Kämpfe um die Seelen geschlagen; hier die Opfer gesühnt und die Täter, wie ich damals irrtümlich glaubte, zur Rechenschaft gezogen werden - hier, in Deutschland. Aber wie könnte ich es dann verlassen, was für mich vor der Befreiung, wenn wir sie denn erleben würden, doch selbstverständlich war? Wie diesen Kampf anderen überlassen? Wie darüber berichten, und in welcher Sprache? Könnte ich denn überhaupt in einer anderen als der deutschen schreiben, denken, träumen? Und wenn ich flüchtete, weil ich den Blutgeruch dieses Landes nicht länger auszuhalten meinte - verriete ich dann nicht jene, die nicht überlebt hatten?
Ich blieb. Blieb mit dem Motto: „Hitler besiegen!" - mein Lebensspruch.
Und lese 64 Jahre nach dem 15. Oktober 1945 im letzten Bericht des Verfassungsschutzes, dass es in Deutschland 20 000 rechtsextrem motivierte Anschläge mit Tausenden von Gewalttaten gegeben habe. Und sich Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus keineswegs auf die rechte Schmuddelszene beschränkt, sondern weit darüber hinaus in die Gesellschaft reicht. „Hitler besiegen", ihn wirklich und gründlich besiegen - das steht uns noch bevor, das ist noch nicht getan.
Ich mime hier nicht die männliche Kassandra, ich verkünde nicht das Ende, den Untergang der demokratischen Republik. Ich stelle lediglich noch einmal fest, dass Hitler, und was der Name symbolisiert, wohl militärisch, aber immer noch nicht auch geistig, oder besser ungeistig, geschlagen ist.
Was hoffentlich nicht nur Menschen mit meiner Biographie verstört, sondern jeden aufbringen muss, dem Menschlichkeit, Frieden und Freiheit etwas bedeutet.
Dass es solche Menschen gibt, und ihrer bedurft wird, das bezeugt diese Stunde, bezeugt die 12. Verleihung des „Bertini"-Preises 2009. Fünf von den sechs ausgezeichneten Arbeiten befassen sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und seinen Folgen, aber auch die anderen, diesmal nichtprämierten Eingaben bestätigen, dass der Schatten des so genannten Dritten Reiches bis in unsere Zeit und auf das Leben von Generationen fällt, die in jeder Beziehung an den Verbrechen schuldlos sind, und die dennoch davon berührt werden.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie warm mir bei der Lektüre der eingereichten Arbeiten ums Herz wurde. Bestätigen sie mir doch Wachsamkeit, politische Sensibilität und Bereitschaft zur Humanität - also das, was heute mehr denn je gefordert wird und nötig ist. Das Codewort unserer Zeit, der Oberbegriff des Bertini-Preis-Mottos „Lasst euch nicht einschüchtern", heißt: „Zivilcourage!"
Ich sage das heute „in memoriam Dominik Brunner", ein Mann, der seine Zivilcourage im September letzten Jahres mit dem Leben bezahlen musste - weil er allein blieb. Sie werden sich vielleicht erinnern: Der Münchener hatte sich schützend vor vier Kinder gestellt, die von zwei siebzehn und achtzehnjährigen Jugendlichen, um Geld zu erpressen, angegriffen worden waren. Daraufhin wurde der 50jährige von den beiden niedergeschlagen und mit Tritten so lange traktiert, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Notärztliche Hilfe kam zu spät, Dominik Brunner starb wenig später im Krankenhaus. Zwei Dutzend Passanten waren Zeuge des Verbrechens, ohne auf die Hilferufe reagiert zu haben.
Die jugendlichen Mörder, die schon früher wegen räuberischer Erpressung, Körperverletzung und Diebstahls aufgefallen waren, geraten unter ein Jugendstrafrecht, das als Höchststrafe 10 Jahre Haft vorsieht.
Dominik Brunners Leben hätte noch das Vielfache dieser Zeit vor sich gehabt - wenn, ja, wenn der Mangel an Zivilcourage nicht dazu beigetragen hätte, es so vorzeitig auszulöschen.
Aber was heißt das eigentlich - Mangel an Zivilcourage?
Es ist ein Drama, das immer nach dem gleichen Muster abläuft. Da wird ein Mensch, Mann oder Frau, am helllichten Tage und unter offenem Himmel attackiert, geschlagen, getreten, misshandelt, und das mitten unter Menschen, die das sehen und hören, aber so tun, als würden sie blind und taub sein.
Nun glaube ich nicht, dass die Deutschen von heute so verkommen sind, dass sie dem Opfer nicht beistehen, ihm nicht helfen wollen - nein, sie wollen ihm helfen, sie wollen ihm beistehen, tun es aber nicht. Warum? Sie tun es nicht, weil sie fürchten, dann das zweite Opfer zu werden! Und sie fürchten es ganz zurecht, können sie sich doch auf die Solidarität ihrer Mitpassanten nicht verlassen.
Und eben das, liebe Freunde, das ist das eigentlich Schrecklichste dieses ohnehin schrecklichen Szenarios.
Statt dass es umgekehrt wäre, und die Rollen vertauscht: also die Gewalttäter fürchten müssten, durch die vereinte Kraft der Zeugen aus Angreifern zu Angegriffenen zu werden, sobald sie sich öffentlich mausig machten. Und schon sähe die Welt ganz anders aus... Das aber setzte ein gesellschaftliches Klima voraus, das es bei uns leider nicht, oder noch nicht gibt, Einzelfälle ausgenommen. Dieser Mangel an öffentlichem Mut ist es, der den Gewalttätern ihr schauerliches Treiben überhaupt erst möglich macht.
Ein persönliches Wort noch zum Routine- und Alltagsthema „Gewalt auf deutschen Straßen".
Ich habe wenig im Sinn mit jenen notorischen Bedenkenträgern, die nach solchen Tragödien zuallererst um mildernde Umständen für die Täter einkommen, und zu bedenken geben, dass ihnen in der Kindheit beim Säugen vielleicht die falsche Mutterbrust gereicht worden wäre, gefolgt von anderen Unzumutbarkeiten während der Pubertät.
Vorsicht gegenüber diesen Stimmen! Jugendarrest und Jugendstrafvollzug dürfen nicht nur unter dem Vorzeichen von Erziehungsmöglichkeiten stehen, sondern primär unter dem des Schutzes der Allgemeinheit.
Ich sage das als jemand, der einmal mit sechzehn, 1939, und einmal mit einundzwanzig, 1944, soviel Gewalt am eigenen Leib verspüren musste, dass ich keinerlei Mitgefühl für solche Täter habe. Die Gestapo hat mich so durchgeprügelt, dass ich nur einen Wunsch hatte: nicht geboren worden zu sein. Von mir können die Schläger auf deutschen Straßen keinerlei Verständnis erwarten. Ich stehe auf Seiten der Angegriffenen, der Opfer, und plädiere für die Höchststrafe.
Kein Land hat soviel Anlass, sich über körperliche Unversehrtheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu sorgen, wie Deutschland, kein Land mehr Anlass, hart aufzutreten und die Schläger zur Räson zu bringen. Nach allem hat die Gewalt auf deutschen Straßen (und in deutschen Häusern) das Delikt Nr. 1 zu sein. Ich entkam meinen Totschlägern, Dominik Brunner den seinen nicht. Ich habe den 12. September 2009 deshalb als Gedenktag tief in meine Erinnerung gegraben.
So sind die Zeiten, in denen wir leben, und deren vielfache Herausforderungen wir annehmen müssen, vor allem Sie, meine lieben Schülerinnen und Schüler, und das wahrscheinlich über die ganze Dauer ihres Lebens hin.
Die Welt ist in Bewegung geraten, riesige Migrantenströme sind unterwegs, mit Europa als bevorzugtem Ziel, allen voran dabei Deutschland. Werfen Sie einen Blick in ihre eigenen Klassen. Wie kann es da, bei der Unterschiedlichkeit der Kulturkreise, nicht zu Konflikten kommen? Oberstes aller Gebote dabei - sie friedlich auszutragen. Wo dieses Gebot missachtet wird, haben Mehrheitsgesellschaft und muslimische Minderheit ein gemeinsames Interesse, mit allen Mitteln dagegen aufzustehen.
Ich begrüße, dass die Problematik mit dem prämierten Theaterprojekt „Romeo und Jasmin" Eingang zum „Bertini-Preis" gefunden hat. Sind Migration und Integration doch längst zur Schicksalsfrage der deutschen Geschichte des 21. Jahrhunderts geworden.
Dabei ist eine klare, furchtlose Sprache die Voraussetzung für Lösungen.
Zuvorderst: Es bleibt die Ehre der Nation, Migranten, Ausländer, Fremde, ob mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ohne sie, gegen die Pest des Rassismus und seiner Sympathisanten zu schützen - dies bleibt die Ehre der Nation!
Gleichzeitig ist es die bürgerliche Pflicht von Migranten, die Gesetze des Landes zu achten und zu befolgen, was angesichts der unterschiedlichen Kulturkreise, des judäo-christlichen und des islamischen, die hier zusammenkommen, große Schwierigkeiten mit sich bringt. Lippenbekenntnisse zu den freiheitlichen Errungenschaften des demokratischen Verfassungsstaates genügen nicht. Es gibt Sitten, Gebräuche und Traditionen, die damit nicht in Übereinstimmung gebracht werden können. Jede „Kritik mit Beleidigung" gleichzusetzen, ein beliebtes Verfahren, ist ebenso unzulässig, wie jeden Kritiker in die rechtspopulistische, neonazistische Ecke zu stellen. Beunruhigung und Sorgen, die von der Bevölkerung etwa über bestimmte Sakralbauten artikuliert werden, haben die Politiker ernst zu nehmen. Religionsfreiheit ist in Deutschland gesetzlich garantiert, und ein hohes Gut. Nur würde derjenige, der sie hier für die Angehörigen seiner Glaubensgemeinschaft fordert, in dem Maße an Glaubwürdigkeit gewinnen, wie er auf Religionsfreiheit für Minoritäten im eigenen, im Herkunftsland bestünde.
Was die muslimischen und nichtmuslimischen Schülerinnen und Schüler des Kurses „Darstellendes Spiel" der Gesamtschule Bergedorf mit der Behandlung so genannter „Ehrenmorde" in couragierter Weise aufgegriffen haben, zeigt, welche Riesenprobleme die Migration mit sich gebracht hat, neben Fundamentalismus, Unterdrückung der Frauen oder Zwangsehen. Es ist gut, dass in diesem Stück nicht einer imaginären „Lösung" das Wort geredet wird, sondern Trauer um einen Toten, Verzweiflung und Beklemmung den Ausgang offen halten - so wie in der Realität. Dass mit „Rotfischen" und „Blaufischen" Phantome auf die Bühne gebracht wurden, und Eltern oder Familienoberhäupter nicht hinzugezogen worden sind, zeigt, dass der Generationenkonflikt in vollem Gange und nicht ausgestanden ist.
Die muslimischen Verbände hierzulande könnten enorm an Vertrauen gewinnen, wenn sie sich sehr viel entschlossener als bisher gegen Gewalt, Fanatismus und Hetze in ihren eigenen Reihen engagieren würden.
Wie schon an Christen- und Judentum, so habe ich mir Kritik auch am Islam erlaubt, da, wo ich meinte, dass sie nötig sei, und ein Teil meiner kulturellen Selbstbehauptung. Und bin dafür beschimpft und schwer bedroht worden. Aber glauben Sie mir: ich bin kein Türkenschreck, ich bin kein Antimuslim-Guru, ich habe nicht zum Bürgerkrieg aufgerufen. Ich brauche mich hier auch nicht als Anwalt für Minderheiten auszuweisen, ich bin mein ganzes Leben lang nichts anderes gewesen, auch, weil ich selbst einmal einer tödlich bedrohten Minderheit angehört habe. Aber wenn in einer Minderheit etwas geschieht, womit ich nicht einverstanden sein kann, dann sage ich es laut und deutlich.
Ich habe mitgeholfen, ein von feigen deutschen Politikern lange verdrängtes und geschöntes Problem dahin zu befördern, wo es hingehört: in den öffentlichen Diskurs. Eben weil es nicht um eine multikulturelle Idylle mit kleinen Schönheitsfehlern geht, die durch sozialtherapeutische Maßnahmen behoben werden könnten, sondern um ein nationales und internationales Problem von schlechthin nicht zu überschätzender Bedeutung.
Ich kann meine Position ganz klar umreißen: alles fördern, was beiträgt zu einer Integration, die diesen Namen verdient, und alles bekämpfen, was ihr schadet, egal ob von nicht-muslischer oder von muslimischer Seite. Und diese Bemühungen führe ich an der Seite kritischer Muslime.
Ich kann meinen Platz in dieser Auseinandersetzung aber auch an einer bildhafteren Darstellung festmachen, genauer: an zwei Namen.
Es war auf einer Bahnfahrt von Berlin zurück nach Köln. In Bielefeld steigt eine Mutter mit Tochter und Sohn zu. Das Mädchen zwölf, dreizehn, der Junge acht oder neun - Migranten. Sie setzen sich hin, still, schüchtern fast. Sofort ist in mir das alte Grundgefühl da, stärker als alles andere: sie zu beschützen - Allah hin, Mohammed her.
Die Kinder sprechen mit der Mutter Türkisch, untereinander aber Deutsch.
Ich flirte vorsichtig mit den beiden. Der Junge zeigt auf mich, lächelt, raunt der Schwester etwas zu. Beide sind langbewimpert und lösen in mir einen nachhaltigen Zärtlichkeitsschub aus. Ich kann es mir nicht verkneifen und streiche dem Jungen über die Wange, mit der Außenseite meiner rechten Hand, nicht der Innenseite - das wäre zu intim gewesen. Das Mädchen würde ich natürlich nicht mit der Fingerspitze anrühren.
Inzwischen aber habe ich beiden auf gut Glück je eine Namen gegeben - ihr Ayse, ihm Bassam.
Als sie Anstalten machen, in Hamm auszusteigen, schenke ich den Kindern ein paar Ostereier, vorsichtig, weil ich nicht genau weiß, wie sie reagieren würden. Sie bedanken sich artig, geben mir die Hand, auch das Mädchen, und lächeln, wie die Mutter. Ich sehe ihnen nach und habe nur einen Gedanken: Es soll ihnen gut gehen, es soll ihnen, verdammt noch mal, gut gehen!
Dieser Wunsch liegt allem, aber auch restlos allem zu Grunde, was ich über Migration und Integration in der Öffentlichkeit gesagt und geschrieben habe, und was ich je noch sagen und schreiben werde.
Es gibt darin nichts, aber auch gar nichts, was gegen die Interessen von Ayse und Bassam gerichtet wäre.
Und nun noch zu meinem Versprechen, das ich den Schülern des Johanneums, meiner alten Schule, gegeben habe.
Natürlich habe ich immer gehofft, dass es einst auch von daher eine Beteiligung am „Bertini-Preis" geben würde, und nun endlich ist es so weit - große Freude. Das aber gleichzeitig mit dem Geständnis, dass ich ursprünglich vor hatte, am Ende meiner Laudatio die Laudandi einer bestimmten Prüfung zu unterziehen. Was ich dann aber doch unterlassen habe, weil die Möglichkeit, sich öffentlich zu blamieren, ziemlich groß gewesen wäre.
Ich hatte nämlich vor, ihnen ein paar Fragen zu den lateinischen Konjugationen zu stellen, also der A-, E-, I- und der konsonantischen. Würden sie, zum Beispiel, richtig beantworten: Passiv, Plusquamperfekt Konjunktiv, dritte Person singular, von amare. Ich wiederhole, langsam: Passiv, Plusquamperfekt Konjunktiv, dritte Person singular von amare ...
Ich bin mir ziemlich sicher, sie hätten es, wie die meisten ihrer von mir befragten Vorgänger, nicht geschafft. Und wollte deshalb lieber nicht auf die Probe aufs Exempel machen.
Ich dagegen hätte aus dem Stegreif die richtige Antwort gewusst: amatus esset.
Was unheimlich genug ist, liegt mein letzter Lateinunterricht doch ziemlich genau siebzig Jahre zurück, also 1940. Dennoch habe ich alle vier Konjugationen behalten, amare, delere, legere und audire - und das hinein bis ins neunte Lebensjahrzehnt. Ganz im Gegensatz zu der nahezu lebenslangen Erfahrung, dass Schülerinnen und Schüler, die vor noch gar nicht langer Zeit ihr Abitur gemacht hatten, an schwerer Gedächtnisschwäche zu leiden schienen, sobald es an die lateinischen Konjugationen ging. Ich dagegen habe unverschämterweise alles behalten habe, jede Form, vom Aktiv Imperfekt über Futur 1 und Konditionalis bis Perfekt Passiv.
Wieso? Wie konnte es zu dieser geradezu unheimlichen Speicherung kommen? Wie dazu, mit Kenntnissen aus vornapoleonischen Schulzeiten so zu protzen, wie ich es gerade vor Ihnen tue? Das möchte ich hier zum Schluss nun doch noch kurz zum besten geben.
Die Geschichte hat einen Namen, den meines Klassenlehrers, als ich im April 1933 aufs Johanneum kam - Studienrat Dr. Ernst Fritz. Ich fahre in großer Ehrfurcht vor ihm fort:
Er war ein Feind der Nazis, ein kühner bürgerlicher Widerständler, ein schmächtiger Mann, den wir montagmorgens mit militärischem Stechschritt vom Flur her hörten, ehe er dann in der Klasse vor dem Katheder in Feldherrnpose den Mund zu einem gewaltigen Schrei aufriss und das seit kurzem mit emporgerissenem Arm obligatorische „Heil Hitler!" in ein wisperndes „Heul Hitler!" verwandelte.
Das war Studienrat Dr. Ernst Fritz. Uns „Nichtariern" war er zugetan, so wie ich ihm. Ihm, der auch der Erfinder meines Nicknamens war. Eines morgens, noch in der Sexta, hatte er verkündet: „Ich nenne dich von jetzt an Ralle - das ist zwar der Name für das Sumpfhuhn, passt aber zu dir." Begeistert von soviel persönlicher Zuwendung, versuchte ich mich durch erhöhten Lerneifer zu revanchieren. Was nicht immer glückte. Und so kam es denn zu einer persönlichen Tragödie, mit nicht voraussehbaren Folgen.
Nach einem Extemporale, einer so genannten „Formenarbeit" (bei der lateinische Verben verschiedener Tempi ins Deutsche oder vom Deutschen ins Lateinische übersetzt werden mussten), kam Ernst Fritz bei der Austeilung zuletzt zu meinem Platz und seufzte mit belegter Stimme: „Ralle, du hast mich schwer enttäuscht..."
Ich saß wie vom Donner gerührt da - mit dem aufgeschlagenen Heft und der Note 5 - „ungenügend". Es gab eine noch schlechtere, 6, aber die verabreichte war schlecht genug.
In jener Februarnacht des Jahres 1935, ich war zwölf, setzte ich mich zu Hause hin und paukte die lateinischen Konjugationen bis in die Nacht hinein, und das so gründlich, dass sie nie wieder aus meinem Kopf gegangen sind und ich Ewigkeiten nach der letzten Lateinstunde ihre Formen bis heute beherrsche. Eine Prüfung bis aufs Blut möge man mir dennoch ersparen...
Kurz darauf wurde Dr. Ernst Fritz verhaftet und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Schüler unserer Klasse hatten seine „staatsfeindlichen" Äußerungen sorgfältig notiert und an die Eltern weitergegeben, von wo sie den Weg zur Gestapo fanden. Dabei hatten sie so wasserdicht gearbeitet, so gelungen konspiriert, dass von dem Anschlag nichts nach außen gedrungen war, und wir anderen zu unserem Entsetzen davon völlig überrascht wurden. Das geschah unter 13- bis 14jährigen - wir waren noch Kinder.
Ernst Fritz überstand das Dritte Reich, aber sein Leben war zerstört - was leicht zu erkennen war, als ich ihn nach der Befreiung besuchte. Er hatte die meisten Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre verloren. Eine aber nicht, die er mir nun mitteilte: Im Gefängnis habe er oft an mich denken müssen, an einen bestimmten Tag, als er mir das Heft mit der Note „Ungenügend" zurückgegeben habe. Und dann wörtlich: „Du hast so ein erschrockenes Gesicht gemacht..."
Worte, über die ich heute noch heulen könnte.
Wie schön, meine lieben Schülerinnen und Schüler, wie schön, dass ihr in einer anderen Zeit wie dieser lebt - bei allen Problemen, die ihr habt und haben werdet.
Das war es, was ich euch eigentlich mit dieser Geschichte sagen wollte, und nicht die ausgezeichneten Preisträger des Johanneums schmähen. Vielleicht hätten sie ja sogar meine Frage beantworten können. Ich jedenfalls stünde nicht an, mich bei Ihnen über mein geringes Vertrauen in ihre Lernfähigkeit zu entschuldigen.
Und so verabschiede ich denn die 12. Verleihung des „Bertini-Preises" und mich mit der Bilanz, dass wir meinem Lebensschwur „Hitler besiegen!" gemeinsam zugearbeitet haben, offen für die großen Aufgaben, die vor euch liegen und sich immer wieder neu auftürmen.
Für mich stellt diese Stunde, wie die vorangegangenen elf anderen, so etwas dar, wie die Krönung meines Daseins, eines Lebens, das heute wieder Dank sagt, Dank an alle, die dazu beigetragen haben - an die Mitglieder des „Bertini-Preises e.V.", die Jury, die Sponsoren, die Multiplikatoren der Medien, an den großzügigen S. Fischer Verlag, an die Prinzipalin des Ernst Deutsch Theaters und an die Lehrerinnen und Lehrer, die das jeweilige Werk unterstützt haben. Dank natürlich vor allem an Euch, meine lieben Schülerinnen und Schüler, die ihr da vor mir seid, ein Anblick, auf den ich mich ein ganzes Jahr schon freue und der mein Herz froh sein lässt - danke!
Und, natürlich, nicht vergessen:
»Lasst euch nicht einschüchtern«
Artikel drucken
Lesezeichen setzen