Festrede von Senatorin Christa Goetsch
anlässlich der Verleihung des Bertini-Preises am 27. Januar 2009 im Ernst-Deutsch-Theater
- Es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Giordano,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrte Hausherrin, liebe Isabella,
sehr geehrte Frau Generalkonsulin Johnson,
sehr verehrte Frau Vizepräsidentin
der Hamburgischen Bürgerschaft, liebe Frau Duden
sehr geehrte Damen und Herrren,
und vor allem: liebe Bertini-Preisträgerinnen und -Preisträger!
Denn Ihr steht heute im Mittelpunkt. Euer Engagement und eure Projekte sind es, die wir heute mit dem Bertini-Preis auszeichnen wollen.
Der Bertini-Preis geht zurück auf eine Initiative des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der im Jahre 1996 den heutigen Tag, den 27. Januar, zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus proklamierte. Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit, in dem über eine Million Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung gefoltert und ermordet wurden. (2005 haben die Vereinten Nationen diesen Tag zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt.)
Bundespräsident Roman Herzog sagte damals u. a.: "Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt."
Diesem Aufruf sind die Förderer des Bertini-Preises gefolgt. Und ich denke, mit dieser Ausschreibung ist ihnen etwas gelungen, was nur wenigen Auszeichnungen gelingt. Der Bertini-Preis erreicht ein breites Spektrum junger Menschen in Hamburg - aus allen Bevölkerungsschichten. Sie kommen aus allen Schulformen, aus Kirchengemeinden, Musikgruppen, Arbeitslosenprojekten oder Jugendinitiativen.
Seit 1998 wird der Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage an diesem Gedenktag in Hamburg verliehen. Sein Motto, das der Ehrenvorsitzende und Namensgeber des Preises Ralph Giordano formuliert hat, lautet:
"Lasst euch nicht einschüchtern!"
Ich erinnere mich gut an die erste Ausschreibung im Literaturhaus - ich war damals ganz frisch als Abgeordnete in der Bürgerschaft.
Also Zivilcourage zeigen. Zivilcourage bedeutet „Mut, unter schwierigen Umständen seine Meinung, seinen Standpunkt offen zu äußern, ihn zu vertreten und durchzufechten und ggf. auch persönliche Nachteile dafür in Kauf zu nehmen" - so das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache.
Wir alle kennen Alltagssituationen in der U-Bahn oder auf der Straße. Ein Mensch wird bedrängt, beleidigt, vielleicht geschlagen. Was tun? Helfen?
Oder lieber wegschauen und eilig fortgehen? Oder einem selbst, Arbeitskollegen oder Mitschülern wird Unrecht angetan. Jemand wird vom Vorgesetzten
zu Unrecht beschuldigt und mit Nachteilen bedacht.
Viele Menschen wären gern couragiert in einem solchen Moment, aber im entscheidenden Moment fehlt ihnen dann doch der Mut. Sie befürchten, nicht die richtigen Worte zu finden, haben Angst sich zu blamieren oder selber Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, wenn sie jetzt etwas sagen.
Zum Glück braucht in unserem Land niemand mehr um sein Leben zu fürchten,
wenn er seine Meinung sagt. Das war nicht immer so. Manche von Ihnen haben es noch erlebt.
Es fällt nicht immer leicht, Mut zu zeigen. Der Journalist Vinke schrieb dazu in einem Buch: „Sophie leistete bereits als Kind den ‚kleinen Widerstand‘. Sie wuchs in einem Elternhaus auf, das den Mut zum Widerspruch als Tugend ansah und förderte. Die Neunjährige ging mit ihrer Schwester Elisabeth
in die gleiche Schulklasse. Ihr Lehrer versetzte die Kinder oft und willkürlich
auf bestimmte Plätze im Klassenzimmer - und zwar den Noten entsprechend.
Dabei passierte es, dass Sophies Schwester Elisabeth ausgerechnet an ihrem Geburtstag einen Platz heruntergestuft wurde. Der Lehrer setzte sie in entwertender Weise nach hinten. Diese Demütigung empörte Sophie derart,
dass sie aufstand, nach vorne zum Lehrer ging und protestierte: ‚Meine Schwester Elisabeth hat heute Geburtstag, die setze ich wieder hinauf!‘
Sie nahm ihre jüngere Schwester entschlossen beim Arm und führte sie an den alten Platz zurück. Der Lehrer ließ es erstaunt geschehen."
Die Schülerin Sophie erwies sich als eine Persönlichkeit mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sagte Nein, NEIN zu Unrecht - auch, und gerade dann,
wenn das Unrecht „von oben" kommt - von Vorgesetzten, Lehrerinnen und Lehrern, von Mächtigeren.
Wie couragiert eine Gesellschaft ist, hängt auch immer von ihren Vorbildern ab,
von dem was prominente Menschen vorleben. Das Mädchen, das sich ihrem Lehrer gegenüber so mutig verhielt, war Sophie Scholl. Sie riskierte später ihr Leben im Widerstand gegen das Nazi-Regime, wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre Zivilcourage, anderen gegenüber NEIN zu sagen, wenn sie etwas als ungerecht empfand, entwickelte sie bereits als Kind.
Kurt Tucholsky sagte. „Nichts erfordert mehr Mut und Charakter,
als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!" Aber eine demokratische Gesellschaft braucht dieses NEIN.
Der Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage leistet hierfür einen bedeutenden Beitrag.
Vorbild sein heißt für uns alle:
- Hinschauen, wenn andere wegsehen.
- Sich einmischen, wenn andere schweigen.
- Erinnern, wenn andere vergessen.
- Eingreifen, wenn andere sich wegdrehen.
- Unbequem sein, wenn andere sich anpassen.)
Der Bertini-Preis wird nun bereits zum elften Mal verliehen, heute wieder hier im Ernst-Deutsch-Theater. Elf Jahre Bertini-Preis - das bedeutet: über 1.000 Hamburger Jugendliche, die alle Spuren hinterlassen haben in unserer Stadt.
Sei es durch die Aufdeckung vergangener Unmenschlichkeit, sei es durch den Einsatz für ein gleichberechtigtes Miteinander oder durch ihre Zivilcourage.
Heute kommen sechs Gruppen mit 154 Jugendlichen dazu. Der Bertini-Preis bietet all diesen jungen Menschen das Forum, auf dem sie Anerkennung und Ermutigung erhalten für ihr Engagement und ihre Zivilcourage.
Die italienische Journalistin Franca Magnani sagte einmal: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen."
Eine der ersten Auszeichnungen mit dem Bertini-Preis 1998 ging an ein Projekt,
das mich als Bildungspolitikerin, der das Thema Einwanderung besonders wichtig ist, außerordentlich berührt hat. Schülerinnen und Schüler der Förderschule Pröbenweg hatten mit einer Digitalkamera Kinder in Hamburg fotografiert und eine Wanderausstellung konzipiert. Sie nannten die Fotoausstellung "Glückliches Hamburg! Der Reichtum einer Stadt sind ihre Kinder". Sie zeigte 33 Porträts von Kindern unterschiedlicher Herkunft, die deutlich machten: Egal, woher wir kommen, egal, welche Sprachen wir sprechen, egal, ob wir helle oder dunkle Haut haben: Wir leben in Freundschaft miteinander. Auch das leistet der Bertini-Preis.
Ein Ereignis der letzten Woche hat uns wohl alle bewegt. Heute vor einer Woche wurde der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt.
Barack Obama, der erste schwarzer Präsident der USA, sagte über sein Land:
„Wir sind die Summe aller Sprachen und Kulturen, die aus der ganzen Welt zu uns gekommen sind."
Der Bertini-Preis fördert ausdrücklich das gleichberechtigte Miteinander von Menschen und wendet sich gegen Diskriminierung und Rassismus. Und wenn ich mir die Liste der diesjährigen Bertini-Preisträgerinnen und -Preisträger anschaue, so lese ich eine Vielzahl von Namen, die einen Migrationshintergrund vermuten lassen. Ein Preisträger vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium heißt zum Beispiel: Bertini, Giuliano Bertini.
In Hamburg hat heute fast jeder zweite Schüler bzw. jede zweite Schülerin eine Einwanderungsgeschichte. Auf Schülerseite ist Vielfalt längst Alltag in unseren Klassenzimmern. Wir müssen dies endlich als Chance begreifen und als Möglichkeit nutzen, mehr Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe für alle Kinder und Jugendlichen in Hamburg zu erreichen. Für alle Kinder, egal welchen rechtlichen Status sie hier haben, ob mit oder ohne Papiere - Bildung ist ein Menschenrecht!
Wir verleihen heute den Bertini-Preis. Den Namen des Preises verdanken wir
einem ehemaligen Hamburger Schüler mit Migrationshintergund. Sein Name ist Ralph Giordano, Autor des Romans "DIE BERTINIS". Sein Großvater väterlicherseits war als junger Mann von Sizilien nach Deutschland gekommen.
Verehrte Gäste, mit dem Bertini-Preis, der heute zum elften Mal verliehen wird,
haben die Initiatoren und Förderer eine für junge Menschen ganz besondere Form der Auszeichnung gefunden. Dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken und werde Sie gerne weiterhin unterstützen.
Viele Projekte der Bertini-Preisträgerinnen und -Preisträger wären wahrscheinlich nicht möglich gewesen ohne die Begleitung ihrer Lehrerinnen und Lehrer - auch Ihnen herzlichen Dank!
Und den BERTINI-Preisträgerinnen und -Preisträgern 2008 wünsche ich, dass diese Auszeichnung ihnen Ermutigung, Anerkennung und Würdigung ist, um in ihrem Engagement gegen Unrecht, Ausgrenzung und Gewalt nicht nachzulassen. Denn unsere Demokratie braucht Menschen mit Zivilcourage - sie braucht euch!
Danke.
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