Das Ende einer glücklichen Familie
Sieben Schülerinnen des Heisenberg-Gymnasiums gingen den Spuren der jüdischen Familie Horwitz aus Harburg nach. Die Kinder der Familie waren Ende der dreißiger Jahre mit einem der Kindertransporte nach England entkommen.
„Ich habe nur einen Wunsch, dass ihr gesund bleibt, zu tüchtigen, ordentlichen Menschen heranwachst, und wir uns wieder sehen ...", diese Worte schrieb der Harburger Kaufmann Walter Horwitz 1940 an seine beiden Kinder Max (14) und Cilly (12). Die jüdischen Geschwister lebten an verschiedenen Orten in England. Sie konnten 1938 mit einem der ersten Kindertransporte Nazi-Deutschland verlassen. „Wir wollten mehr wissen über das Schicksal der Familie und vor allem ihrer Kinder, die etwa in unserem Alter waren, als sie ihre Heimat verlassen mussten", erklärt Jana Bernhardt (13), Schülerin des Heisenberg- Gymnasiums. Sie und sechs Klassenkameradinnen begaben sich im Frühjahr 2007 gemeinsam auf Spurensuche. Ihre Recherchen stellten sie in einer 100 Seiten umfassenden Dokumentation zusammen.
Die Idee war nach einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus in Harburg entstanden. „Einige von uns hatten sich bei der Aktion ‚Frühjahrsputz für Stolpersteine‘ beteiligt und waren dabei auf die Geschichte der Familie Horwitz aus Harburg aufmerksam geworden", erzählt Jana. Walter Horwitz führte in Harburg in der zweiten Generation ein Warenhaus. Während der Weltwirtschaftskrise 1929 musste er sein Geschäft schließen. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gelangt waren, war es für den Juden Walter Horwitz schwer, eine neue Arbeit zu finden. Er zog mit seiner Frau Margarethe und den beiden Kindern 1936 in das Grindelviertel um. Doch die Anfeindungen nahmen weiter zu und die Eltern entschlossen sich, ihre Kinder aus Deutschland wegzuschicken. Max und Cilly gelangten zu unterschiedlichen Pflegefamilien in London. Die Schülerinnen lasen Briefe des Vaters an seine Kinder, sie recherchierten in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte und im Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Sie fanden Zeitzeugen, die Max und Cilly Horwitz als Kinder gekannt hatten, und nahmen schließlich Kontakt auf zu der in England lebenden Cilly Horwitz, die heute Celia Lee heißt. Die Schülerinnen baten die 81-Jährige brieflich um ein Interview und schickten ihr rund 60 Fragen - natürlich auf Englisch. „Sie hat sich sehr gefreut über unser Interesse und hat unsere Fragen ausführlich beantwortet, sie spricht noch fließend Deutsch", berichtet Regina Zimmermann (14). Im August 2007 kam Celia Lee nach Hamburg und traf sich mit den Schülerinnen. „Es war beeindruckend, von ihr zu erfahren, was sie erlebt hat, und wie sie das alles ausgehalten hat in einem fremden Land ohne Eltern", so Regina weiter. Celia lebte zunächst in einer Familie, landete nach einem Eklat aber in einem Kinderheim, in dem sie dann aufwuchs. Ihren geliebten Vater hat sie nie wieder gesehen. Er wurde nach Minsk deportiert und kam vermutlich dort um. Jahre nach dem Krieg besuchte Celia Lee Hamburg. „Sie hatte aber das Gefühl, dass alle Leute hier so taten, als wäre nichts geschehen, das schockierte sie", erzählt Nora Junker. Celia Lees Bruder kehrte nach Deutschland zurück, sie selber wollte nicht mehr hier leben. „Sie fühlt sich als Engländerin", erfuhr Nora von der heute zweifachen Mutter und Großmutter.
Nachdem die Schülerinnen genug Material gesammelt hatten, begannen sie mit der schriftlichen Dokumentation. „Obwohl sie noch so jung sind, haben sie eine beachtliche Arbeit zustande gebracht", stellt Klaus Möller anerkennend fest. Der ehemalige Geschichtslehrer und stellvertretende Schulleiter des Heisenberg-Gymnasiums begleitete schon mehrere Schülerprojekte, die zu guter Letzt einen BERTINI-Preis gewannen. Die jetzigen jungen Preisträgerinnen gliederten ihre Dokumentation in sieben Sachkapitel, angefangen von der glücklichen Zeit der Familie in Harburg bis zu Freud und Leid nach Kriegsende. Sie ergänzten ihre Texte mit zahlreichen Bildern und Auszügen aus historischen Quellen. Ihre Arbeit mit dem Titel „Wir waren eine glückliche Familie: Die Familie Horwitz aus Harburg (1885 - 1945)" planten die Schülerinnen auch als Begleitheft zu der von ihnen entwickelten Stadtrundfahrt „Auf den Spuren der Familie Horwitz". Mit dem Bus geht es zu Orten in Hamburg, die im Leben der Familie Horwitz eine Rolle spielten. „Damit wollen wir erreichen, dass Schicksale wie diese nicht vergessen werden", sagt Regina. Dreimal fand die Rundfahrt schon statt.
Den Schülerinnen hat ihre Arbeit auch selbst viel gebracht. „Ich habe auf diese Weise viel mehr über die ganze Zeit gelernt, als sonst im Unterricht", gesteht Ann-Kathrin Krichel (13). „Hinter der Geschichte stehen für mich jetzt lebendige Personen", fügt Luisa Husmann hinzu. Und als die Gruppe bemerkte, dass auf dem jüdischen Friedhof eine bronzene Gedenktafel gestohlen worden war, wurden sie aktiv. Sie meldeten es den Behörden, Medien berichteten darüber und Bezirkspolitiker plädierten dafür, die Tafel zu ersetzen.
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