Vergessene Lager
Auf dem Gelände der Max-Brauer-Schule in Altona stand einst ein Zwangsarbeiterlager. Zwei Schülerinnen und vier Schüler erfahren davon, recherchieren die fast vergessenen Hintergründe und machen sie öffentlich.
Im Mai 2006 besuchte eine Gruppe von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen auf Einladung des Senats die Hansestadt. Einige von ihnen hatten während des Zweiten Weltkrieges im ehemaligen Lager Moortwiete arbeiten müssen.
Die Lagergebäude stehen nicht mehr, aber die Frauen wollten das Gelände sehen, auf dem sie unter fürchterlichen Umständen leben und arbeiten mussten. „Dieser Ort war auf unserem Schulgelände", erzählt Nathalie Pudimat (17), Absolventin der Max-Brauer-Schule in Altona. Sie war darüber genauso erstaunt wie ihre Klassenkameraden. „Wir erfuhren davon erst beim Gespräch mit den Besucherinnen und ihren Dolmetschern. Niemand von unserer Schule wusste, dass sich das Zwangsarbeiterlager Moortwiete auf unserem heutigen Schulgelände befand", berichtete Klassenkamerad Max Streichardt (17).
Nathalie, Max und ihre Mitschüler Steffen Bordewieck, Nazanin Karimi, Morten Peetz (alle 17) und Sasha Schwarz (16), die damals alle in die zehnte Klasse gingen, taten sich zu einer Projektgruppe zusammen. „Wir wollten uns genauer über die Hintergründe informieren und an die Geschehnisse in irgendeiner Form erinnern", erklärt Steffen.
„Wir haben auch Zeitzeugen gesucht, aber unsere Aufrufe auf einem Stadtteilfest und in der Lokalzeitung blieben erfolglos", berichtet Max. Die Schülerinnen und Schüler forschten mit Unterstützung ihrer Lehrerin Elisabeth Schulte weiter im Staatsarchiv und bei der Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Viele Informationen fanden sie in dem Buch „Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939 bis 1945" von Friederike Littmann.
Bei ihren Recherchen entdeckte die Gruppe zu ihrer weiteren Überraschung, dass es nicht nur ein, sondern zwei Lager gegeben hatte. Zum Zwangsarbeiterlager Moortwiete, benannt nach der damaligen Straße (der heutigen Daimlerstraße), gehörte ein Lager für Frauen und eins für Männer. „Direkt vor unserem Schulgebäude lag das Frauenlager, auf der gegenüberliegenden Seite bei der Paul-Gerhardt-Kirche das Lager der Männer", erklärt Morten. Während die Männer in der Metallindustrie und für Werften arbeiten mussten, schufteten die Frauen und selbst Kinder ab zehn Jahren in der Fisch- und Konservenindustrie. „Im Frauenlager waren zwischen 300 und 500 Frauen und Kinder eingepfercht, sie litten Hunger und arbeiteten täglich bis zu 16 Stunden", erzählt Nathalie. Die meisten Arbeiterinnen stammten aus der Ukraine. „Sie wurden einfach verschleppt, ihre Kinder wurden sogar auf ihrem Heimweg von der Schule aufgegriffen", berichtet Steffen.
Über diese Ungeheuerlichkeiten wollte die Gruppe die Öffentlichkeit informieren. „Wir dachten zunächst an einen Gedenkstein, entschieden uns dann aber für eine Gedenktafel", so Sasha. Die letzten Baracken waren vermutlich um 1966 abgerissen worden. Nach dem Ende des Krieges hatten sie noch einige Zeit als Unterkünfte für Flüchtlinge gedient. „Einer von ihnen war mein Opa, er war von Königsberg nach Hamburg geflohen und hat mir noch eine alte Postkarte mit dem Lager gezeigt", sagt Morten. Für das Aufstellen einer Informationstafel gingen die Schüler auf Sponsorensuche. Sie wandten sich als erstes an jene Firmen, die damals Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Hier bekamen sie nur Absagen. Schließlich gab die Bezirksversammlung Altona einen Zuschuss für das Projekt. Auch die Hamburger Unternehmen O2 und Schwarzkopf beteiligten sich. Am 19. April 2007 sollte die Tafel auf dem Schulgelände im Beisein ehemaliger Zwangsarbeiter eingeweiht werden.
Dieser Termin bedeutete für die Gruppe viel Organisation. Es mussten Texte für Informationsflyer und Einladungen geschrieben werden. Den Text für die Tafel erstellten die Schüler mithilfe des Ottenser Stadtteilarchivs und der KZ Gedenkstätte Neuengamme. Auch die Paul-Gerhardt-Gemeinde half mit. „Es gibt eine Wanderausstellung über Zwangsarbeit mit dem Titel ‚In Hamburg ist meine Jugend geblieben' und wir haben uns darum bemüht, dass sie im April in der Gemeinde ausgestellt werden konnte", sagt Sasha.
Die Einweihung am 19. April 2007 war für die Gruppe ein aufregendes Ereignis. Unter den vielen Gästen waren elf ehemalige Zwangsarbeiter. „Es war beeindruckend mit ihnen zu sprechen", erklärt Steffen. Und die Gruppe war auch ein bisschen stolz über das, was sie erreicht hat. „Wir haben ein Jahr lang in unserer Freizeit daran gearbeitet und ich finde es toll, dass wir es als Gruppe durchgehalten haben", so Nathalie. Alle machten danach ihren Realschulabschluss und besuchen heute weiterführende Schulen.
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