Die Nazis in Holland
Nach einer Klassenfahrt durch Holland gestalteten Marcel Grove und Jörg Morais von der Förderschule Pröbenweg eine besondere Fotoausstellung. Sie zeigt den Terror des NS-Regimes im Nachbarland Holland von 1940 bis 1945.
Tulpen, Windmühlen und die Königsfarbe Orange: Das waren die ersten Dinge, die den Schülerinnen und Schülern der Förderschule Pröbenweg zu Holland einfielen. Die neunte Klasse bereitete zum Ende ihrer Schulzeit 2007 eine Klassenreise ins Nachbarland vor und befasste sich näher mit kulturellen und historischen Aspekten. Dabei griffen sie auch die deutsche Besatzungszeit als Thema auf. „Die meisten von uns wussten wenig über die Nazi-Zeit in Holland", erklärt Jörg Morais (16). Er und sein Klassenkamerad Marcel Grove (17) begannen sich dafür zu interessieren.
In der Zeit zwischen 1940 und 1945 besetzten deutsche Truppen das Nachbarland. Die NS-Schergen verfolgten die jüdische Bevölkerung, die Sinti und Roma und alle politischen Gegner rücksichtslos. Sie wurden in Lager gesperrt. Viele kamen ums Leben oder wurden ermordet. Heute erinnern Gedenkstätten an den NS-Terror. Diese Orte wollten die Jugendlichen besuchen.
Die Schülerinnen und Schüler begannen ihre vierzehntägige Rundreise, für die sie von der Alfred-Töpfer-Stiftung ein Stipendium für Europäisches Schulwandern erhalten hatte, im Juli 2007. Sie besuchten ihre Partnerschule in Nimwegen und das nahe gelegene Nationale Befreiungsmuseum der Niederlande in Groesbeek. Sie fuhren zur Gedenkstätte in Amersfoort, einem ehemaligen Durchgangslager der Nazis, in dem vor allem politische Gefangene interniert worden waren. In Amsterdam folgten sie einem Stadtrundgang zu historischen Orten wie dem Anne-Frank-Huis. In Westerbork lernten die Förderschüler die Geschichte eines weiteren Durchgangslagers kennen, von dem aus viele Inhaftierte mit dem Zug in Vernichtungslager transportiert wurden.
Hier war auch Anne Frank einige Monate interniert, bevor sie 1945 im KZ Bergen-Belsen ums Leben kam. Jörg Morais und Marcel Grove fotografierten viel, um „festzuhalten, was wir gesehen haben", beschreibt Marcel ihre Motivation. Sie knipsten historische Ausstellungsstücke wie eine holländische Flagge mit der Aufschrift „Vrijheid" (Freiheit) oder den neu gestalteten Friedensbaum im Nationalen Befreiungsmuseum, der besonders Jörg beeindruckte: „Jeder Besucher kann hier einen Zettel mit seinen Wünschen für die Zukunft aufhängen, ich wünsche mir Frieden und Freiheit."
Den Eingang in das frühere Durchgangslager und die heutige Gedenkstätte Amersfoort empfand Marcel als „sehr beklemmend". Auf dem Gelände erinnert das Denkmal eines Häftlings an die Ermordung zahlreicher Gefangener. Marcel hielt diese Orte im Bild fest, ebenso einen idyllisch wirkenden Weg mitten zwischen grün bewucherten Hängen. „Das war ein Erschießungsgraben", weiß der Schüler zu berichten. Im Erinnerungszentrum am früheren Durchgangslager Westerbork fotografierten die beiden Schüler die ausgestellten Koffer mit den Habseligkeiten der Verfolgten, „sie stehen für das Schicksal des Einzelnen", erläutert Marcel die Bilder. Auf dem Außengelände des ehemaligen Lagers erinnern mehrere Felfder voll aufgeschichteter Steine an jeden getöteten Juden und Sinti und Roma. „Das hat mich am meisten berührt, diese Masse an Steinen, die zeigen, wie viele Menschen in den Lagern umgekommen sind", erzählt Jörg.
Zum Ende der Klassenfahrt waren sich die beiden Schüler einig, dass sie ihre Eindrücke einem größeren Publikum zeigen wollten. Sie beschlossen, eine Fotoausstellung zu konzipieren. „Auch andere sollen eine Vorstellung davon bekommen, wie das damals gewesen ist", sagt Marcel. Zurück in Hamburg hatten sie noch drei Wochen Zeit bis zu den Sommerferien, um ihre Idee umzusetzen.
Das war knapp, deshalb wurde auch noch die erste Ferienwoche geopfert. „Am schwierigsten war es, eine Auswahl zu treffen, wir hatten zusammen mehr als 800 Fotos", so Marcel. Er wählte mit Jörg geeignete Fotos aus und bearbeitete sie im Betrieb seines Vaters. „Dort konnte ich sie auch vergrößern und drucken", berichtet Marcel, der gerne Mediengestalter werden möchte. Insgesamt stellten die beiden Jugendlichen 14 Bildtafeln mit je zwei bis drei Fotos zusammen. Jörg schrieb dazu kurze erläuternde Texte.
Es entstand eine sehenswerte Ausstellung, die den Terror der Nationalsozialisten und den Widerstandskampf im Nachbarland in den Fokus rückt. „Das Nachdenken über Gut und Böse und die Frage, wie hätte ich mich damals verhalten, wurde schon auf der Reise diskutiert und spiegelt sich in der Foto-Ausstellung wider", berichtet Klassenlehrer Stefan Romey. Der Betrachter bekommt mit den ausgewählten Motiven das Ausmaß des Unrechtes vor Augen geführt. Gezeigt wurde die Ausstellung in der Förderschule Pröbenweg. Weitere Stationen sollen folgen, darunter ist auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
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