Ein Akt der Gewalt
Mit dem Theaterstück "Hast du Bock zu tanzen?" brachten zehn Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Steilshoop und des Wirtschaftsgymnasiums Gropiusring das Tabu-Thema sexuelle Gewalt auf die Bühne.
Fünf Mädchen mit Zöpfen und roten Faltenröcken tänzeln kichernd über die Bühne. Von feixenden jungen Männern werden sie taxiert. Plötzlich wechseln die Mädchen von der verspielten in eine ernste Darstellung. Sie sprechen direkt ins Publikum: "Gehen Sie abends nicht alleine aus, das regt Männer an"; "Bleiben Sie nicht zu Hause - Eindringlinge und Verwandte sind potenzielle Täter"; "Seien Sie niemals Kind - einige Täter werden durch die ganz Kleinen angeregt", rufen sie im Chor. Diese und weitere absurd wirkende Verhaltensregeln gipfeln in der Äußerung: "Um sicherzugehen, verzichten Sie auf ihre Existenz!"
Die eindrucksvolle Szene entwickelt den kritischen Einstieg für die Zuschauer in das Tabu-Thema: In dem Theaterstück "Hast du Bock zu tanzen?" geht es um sexuelle Gewalt. Erzählt wird die Geschichte des 14-jährigen Mädchens Dvori, das zum Opfer einer Vergewaltigung wird. Die Schülerinnen und Schüler des Kurses Darstellendes Spiel studierten es ein, probten und brachten es auf die Bühne. Gemeinsam mit ihrem Kursleiter Olaf Bublay stellten sie ein sich aufschaukelndes Beziehungsgeflecht zwischen Mädchen und Jungen dar, das über Demütigung und Machtspiele zur Vergewaltigung führt. Ergänzt werden die Szenen von Rededuellen zwischen Anklägern und Opfer in einer Gerichtsverhandlung über diese Tat. Das Mädchen wird hier erneut zum Opfer.
"Wir hatten uns im Kurs schon länger mit dem Thema Gewalt beschäftigt", erzählt Darsteller Monsen Tarami (23). Nachdem die Schülerinnen und Schüler das Drama "Die Schaukel" von Edna Mazya in der Jugendproduktion des Ernst Deutsch Theaters gesehen hatten, entschieden sie sich, das anspruchsvolle Stück als Vorlage für eine eigene Aufführung zu nehmen. Das Stück der Israelin geht zurück auf einen wahren Fall, der 1988 in Israel Aufsehen erregt hatte. Ein 14-jähriges Mädchen wird auf einem Spielplatz von mehreren 16-Jährigen vergewaltigt. Im ersten Gerichtsprozess wurden die Täter freigesprochen, erst in der Revision wurden sie verurteilt.
Die Theatergruppe des Wirtschaftsgymnasiums reduziert die eigene Aufführung auf die drei Hauptfiguren: das Mädchen Dvori, den älteren Jungen Assaf, dessen Aufmerksamkeit sie gewinnen möchte, der aber nur mit ihr spielt, und Shmulik, einen Außenseiter, der Dvori mit seinem groben Verhalten abstößt. "Um die gruppendynamischen Prozesse, die zwischen den drei Figuren ablaufen, zu verdeutlichen, vervielfachten wir die Figuren und ließen fünf Dvoris und vier Assafs auftreten", erklärt Spielleiter Bublay das Konzept des Stückes. Zugleich sind es Doppelrollen für die zehn Darsteller, denn in den Gerichtsszenen treten sie als Ankläger und Verteidiger auf. "Diese Szenen gehen besonders unter die Haut, denn Dvori muss sich verteidigen, als wäre sie selber schuld an dem Missbrauch", erzählt Darstellerin Özgül Kilic (22).
Der Thematik näherten sich die Schülerinnen und Schüler auf verschiedenen Wegen. "Wir sprachen über Fälle, von denen wir in den Medien gelesen hatten", berichtet Monsen Tarami. Sie beschäftigten sich mit der Einrichtung des Frauenhauses und besuchten eine Ausstellung zum Thema sexuelle Gewalt von der Beratungsstelle Allerleirauh e.V. Die Schülerinnen und Schüler, die aus der Türkei, dem Iran, aus Afghanistan, Jordanien und Ecuador stammen, diskutierten auch untereinander und stellten fest, wie unterschiedlich Sexualität in verschiedenen Gesellschaften gesehen wird.
Schließlich wurden die Szenen mit viel Engagement umgesetzt. "Wir haben vieles ausprobiert, damit nichts lächerlich wirkt", erinnert sich Darstellerin Iris Heger (20). Sie spielt die Szene, in der die Vergewaltigung dargestellt wird. "Weil wir schon lange zusammenspielen und das Vertrauen untereinander groß ist, konnte ich mich überwinden, das zu spielen", so Iris. Die männlichen Spieler durften in dem Stück viel Macho-Gehabe zeigen, "dass ist ihnen nicht ganz fremd, aber als sie auf den Probe-Videos sahen, wie ihr Verhalten die Mädchen bedrängt, wurden sie auch nachdenklich", schildert Olaf Bublay. Premiere hatte das Stück am 9. Januar 2004 beim Festival "Gewaltige Tage" im Ernst Deutsch Theater. Danach trat die Gruppe noch mehrmals auf. Die Eintrittsgelder spendete sie für UNICEF, für das Frauenhaus und die Flutopfer der Tsunami-Katastrophe. "Unser Ziel war es, andere aufzurütteln und auf sexuelle Gewalt und Ungerechtigkeit gegenüber dem Opfer aufmerksam zu machen", berichtet Monsen Tarami.
Umgehen mussten die Darsteller mit so manchen Reaktionen während ihrer Aufführung. "Manche machten blöde Sprüche oder lachten. Meistens sind das aber die Jüngeren, die so ihre Verlegenheit überspielen", erzählt Saman Farshbaf-Masalhedan (20). Die meisten Zuschauer waren von der Aufführung beeindruckt und lobten den Mut der Darsteller, so ein Tabu-Thema auf die Bühne zu bringen.
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