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Der dünne Faden der Hoffnung

Über das Leben und Leiden ehemaliger Zwangsarbeiter während der NS-Zeit wollten Katharina Schulz (18) und Soja Derlein (19) vom Heisenberg-Gymnasium in Hamburg-Harburg mehr wissen. Sie recherchierten, fanden eine Zeitzeugin und interviewten und betreuten sie. Am Ende schrieben sie die Dokumentation: "Wenn ich die Hoffnung auf Befreiung verloren hätte, wäre ich nicht am Leben geblieben: Tamara Nassonova als Zwangsarbeiterin in Hamburg."

Wie seid ihr auf das Thema Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg überhaupt gekommen?

       

Katharina Schulz: "Wir wussten eigentlich nicht viel über das Thema Zwangsarbeit, es kommt im Geschichtsunterricht nur kurz vor. Wir wollten mehr erfahren und deshalb beteiligten wir uns an der Betreuung ehemaliger Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die im Rahmen des Besuchsprogramms von Senat und Bürgerschaft im Mai 2003 nach Harburg kamen. Und ich habe auch daran gedacht, eine Dokumentation zu diesem Thema zu schreiben."

       
Wie habt ihr euch während des Besuchsprogramms engagiert?

       

Soja Derlein: "Die ehemaligen Zwangsarbeiter suchten verschiedene Orte auf, an denen sie früher arbeiten mussten. Dorthin, aber auch zu Gesprächen und Stadtrundfahrten haben wir sie begleitet. Ich habe dabei viel übersetzt, denn ich bin gebürtige Russin. Vor sieben Jahren kam ich mit meiner Familie aus dem Nordwesten Russlands nach Deutschland."

     
Bei der Besuchergruppe war auch Tamara Nassonova, der ihr eure Arbeit gewidmet habt. Wie habt ihr sie kennen gelernt und was erzählte sie über ihr Leben?

                 

Soja Derlein: "Tamara ging gleich auf uns zu, sie war sehr offen und ihre Lebensgeschichte hat uns sehr interessiert. Sie ist heute 83. Als deutsche Truppen ihr Dorf überfallen hatten und sie verschleppt wurde, war sie - wie wir jetzt - 19 Jahre alt."

                     

Katharina Schulz: "Sie wurde zusammen mit anderen so genannten "Arbeitsfähigen" in dunklen Güterwaggons nach Deutschland transportiert. In der Harburger Jutespinnerei und -weberei zwang man sie zu arbeiten. Unter unmenschlichen Bedingungen musste sie 16 Stunden am Tag schuften, mit wenig Essen und schäbiger Kleidung, die im Winter nicht warm genug war. Durch die harten Bedingungen hat sie noch heute gesundheitliche Schäden."

                 
Wie war das für Tamara Nassonova mit solchen Erinnerungen wieder nach Harburg zu kommen?

                  

Soja Derlein: "Es war sehr schmerzlich für sie, sowohl die Orte aufzusuchen als auch darüber zu sprechen. Als wir sie für unsere Arbeit interviewten, war ihr anzumerken, dass sie litt. Aber trotzdem wollte sie uns alles erzählen. Und sie wollte das Grab von Johanne Günther besuchen."

                   
Dafür habt ihr euch besonders eingesetzt, warum?

               

Katharina Schulz: "Die Harburgerin Johanne Günther arbeitete auch in der Jutespinnerei. Sie setzte sich über das Verbot hinweg, als Deutsche mit den osteuropäischen Zwangsarbeitern zu reden. Sie sprach ihnen Mut zu, gab ihnen zu essen und lud sie sogar zu sich ein. Sie riskierte damit ihr Leben. Die Zwangsarbeiterinnen waren ihr sehr dankbar und nannten die ältere Kollegin "Oma Günther".

                       

Soja Derlein: "Wir wollten, dass diese Zivilcourage einer Deutschen während der Nazi-Zeit nicht vergessen wird. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit der Harburger Friedhofsverwaltung dafür eingesetzt, dass an die alte Grabstelle von Johanne Günther ein Gedenkstein gesetzt wird mit der Aufschrift: "Unvergessen im Herzen vieler Zwangsarbeiterinnen 1942-1945."

                       
Wie habt ihr eure Erkenntnisse in eure Arbeit eingebracht?

                       

Katharina Schulz: "Wir haben das Interview unserer Zeitzeugin und viel weiteres Recherchematerial in zehn Kapitel aufgeteilt. In ihnen behandelten wir Themen wie: "Die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes während der Kriegsjahre 1933 bis 1942"; "Die Situation der Zwangsarbeiter in den Harburger Betrieben"; "Das Verhalten der Harburger Zivilbevölkerung"; "Die letzten Kriegswochen" und "Die Entschädigung". Besonders wichtig war uns auch das Kapitel über die Rückkehr der Zwangsarbeiterinnen in die damalige UdSSR. Denn die jungen Frauen wie Tamara Nassonova hatten große Schwierigkeiten nach ihrer Rückkehr. In der Sowjetunion wurden sie als Verräterinnen angesehen, weil sie für den Feind gearbeitet hatten. Man glaubte ihnen nicht, dass sie verschleppt worden waren. Und wie Tamara, die vor der Verschleppung Medizin studiert hatte, durften viele nicht weiterstudieren."

                      
Welche neuen Erfahrungen habt ihr bei eurer Arbeit gemacht?

                     

Soja Derlein: "Wir waren entsetzt über das Ausmaß an Diskriminierung und Entrechtung der früheren Zwangsarbeiter. Und darüber, dass durch die harte Arbeit die Gesundheit und letztlich das Leben vieler Menschen zerstört worden ist."

                

Katharina Schulz: "Es war aber auch eine besonders intensive Erfahrung, mit Zeitzeugen zu sprechen und von ihnen direkt zu erfahren, was ihnen an Unrecht widerfahren war. Das ist Geschichte hautnah. Deshalb haben wir einen Teil unseres Preisgeldes auch Tamara Nassonova gegeben."



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(Änderungsdatum: 24.06.08)