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Theater im Ghetto

Sie näherten sich diesem Kapitel der deutschen Geschichte auf sehr persönliche Weise: 75 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Süderelbe spielten das bewegende Theaterstück "Ghetto" von Joshua Sobol.

Es war kein einfaches Stück, das sich die Schülerinnen und Schüler des Kurses "Darstellendes Spiel" vom Gymnasium Süderelbe ausgewählt hatten. Das Stück "Ghetto" des israelischen Autors Joshua Sobol spielt im jüdischen Ghetto von Wilna (heute Vilnius, Litauen) in den Jahren 1942 und 1943. Der deutsche Lagerkommandant Bruno Kittel erlaubt dem jüdischen Chef der Ghetto-Polizei Jakob Gens, eine Theatergruppe zu gründen. Die Angst vor Deportation und Ermordung ist allen gegenwärtig. Dennoch beginnt die Schauspieltruppe mit Puppenspieler Srulik an der Spitze mit ihrer Inszenierung. Parodie, Ironie und gleichzeitig Angst darzustellen, war eine Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler, die von ihren Lehrern Christina Fräbel und Helmut Jäscke angeleitet wurden. "Zu Beginn waren wir in Sorge, ob wir das hinbekommen. Bei dem ernsten Thema durften die komischen Szenen nicht in Klamauk abrutschen", erzählt Jan Kieseler (19), der mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern die 15 Musik- und Gesangsstücke der Aufführung erarbeitete.

     

Unterstützung bekam die Gruppe von Daniel Lachmann (58), einem jüdischen Musiker, der vor einigen Jahren mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist. "Er hat uns bei den Musik- und Tanzproben sehr geholfen, und es war mitreißend, mit ihm zu spielen und zu üben", erzählt Julie Meyer (19).

    

Um sich auf die Thematik des Stücks besser einlassen zu können, bereiteten sich die Schülerinnen und Schüler ausgiebig vor. Vieles mussten sie erst recherchieren. "Viele von uns wussten vorher gar nicht, dass es in Wilna ein Ghetto gab", erinnert sich Darstellerin Anna Stubbe. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit verschiedenen Dokumentationen über den Holocaust in Litauen, und sie sahen einen Film über das Warschauer Ghetto. Zu einem eindrucksvollen Erlebnis wurde auch der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt in Tschechien. Filme wie "Schindlers Liste" oder "Der Untergang" halfen bei der Vorbereitung auf einzelne Personen. "Wir haben auch die Beziehungsmuster der Figuren im Stück analysiert. Das hat geholfen, sich besser in die Figuren hineinzuversetzen", so Martin Rybicki, Darsteller des jüdischen Theaterchefs Srulik.

          

Zusätzlich suchten die Schülerinnen und Schüler nach biografischen Angaben. Denn der Autor Joshua Sobol hat reale Personen und authentische Texte aus dem Wilnaer Ghetto in sein Stück eingearbeitet. Zu Jakob Bens fanden sie Material. "Ähnlich wie Oskar Schindler schützte auch der Chef der Ghetto-Polizei Jakob Bens einige Menschen, allerdings opferte er andere und wurde so zum Mittäter", erklärt Lucas Herrmann (19), der den Jakob Bens darstellte. "Über den SS-Offizier Bruno Kittel gab es wenig, er tauchte nach dem Krieg unter", erzählt Anjo Czernich (19), der Darsteller von Bruno Kittel. Bekannt ist: Der machtverliebte SS-Offizier Kittel hatte auch eine künstlerische Seite. Er war Absolvent einer Theaterschule, spielte Saxofon und Klarinette. Um die dämonische Seite des Bruno Kittel überzeugend zu spielen, "muss man sich auch an Gefühle wie Hass erinnern und seinen ganzen inneren Abfall in die Rolle legen", erläutert Anjo, dessen Darstellung das Publikum sehr beeindruckt hatte. Viermal trat die Gruppe im September 2004 auf. Mehr als 40 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und 17 Schülerinnen und Schüler aus den sechsten Klassen führten das Stück auf, sangen und tanzten. Zusätzlich entwarfen Schülerinnen und Schüler des Kunstkurses Plakate für die Aufführung.

      

Die Reaktionen auf das Stück waren beeindruckend. "Viele Zuschauer waren so ergriffen, dass sie sich am Ende der Aufführung erst gar nicht trauten zu applaudieren", erinnert sich Lucas. "Selbst bei uns sind in der Generalprobe einige Tränen geflossen, weil wir so betroffen waren", berichtet Anna. Am Ende waren die Schülerinnen und Schüler stolz, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Jan: "Wir wollten dem Publikum das Ausmaß der Untaten nahe bringen. Und das geht am besten mit einem Theaterstück, weil es die Emotionen anspricht."



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(Änderungsdatum: 24.06.08)