Stachel zur moralischen Beunruhigung
Motive zur Entstehung des BERTINI-Preises von Michael Magunna, anlässlich des 10. Jahrestages des Preises am 27. Januar 2008 im Ernst Deutsch Theater
Als Initiator des Bertini-Preises sage ich etwas dazu, wie es zur Idee dieses Preises gekommen ist.
„Am Anfang war das Wort." - das beseelte Wort in Jurek Beckers „Jakob der Lügner", das beseelte Wort in Wolf Biermanns Übertragung von Jizchak Katzenelsons „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" und - das beseelte Wort in Ralph Giordanos „Die Bertinis". Ein so mit Leben beseeltes Wort gab mir die Kraft, die moralischen Abgründe wahrzunehmen, die sich mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden auftaten. Sie erzeugten in mir bodenlose Fassungslosigkeit darüber, wie alles, was ich an Moral und Zivilisiertheit und Kultur kannte, bei Tätern und Zuschauern, den Gaffern, so entsetzlich lautlos in sich zusammensinken und nichts als Kälte, nur Kälte, übrig bleiben konnte. Wenn das möglich war, dann ist in Gegenwart und Zukunft alles möglich.
Wir alle wissen das.
Dieses Wissen haben wir unseren Eltern und Großeltern voraus - es verpflichtet zum Handeln.
Als Ralph Giordano 1993 erneut gejagt wurde - eine zeitgenössische Variante seiner Feinde von einst rief dazu auf, wer ihn umbrächte, erhielte ein Kopfgeld von DM 1000. Grund für die Verfolgung: er hatte sich für den Schutz einer verfolgten Sinti-Frau eingesetzt. - Als das BKA 1993 zudem von 1350 rechtsextremen Übergriffen in der gesamten BRD sprach, da schlug die bisherige innere Beunruhigung über die Vergangenheit in einen moralischen Handlungsimperativ für die Gegenwart um, den ich sicherlich auch deshalb sehr stark empfand, weil ich schließlich Lehrer bin. Also, du musst etwas tun - aber was?
Daraus entstand meine Konzeption der 3 Säulen dieses Preises:
1. Derjenige, der hier wieder dem Lebenshass ausgesetzt war, dem musste Schutz vor Isolation geleistet werden. Ein Bündnis für die Werte unseres Grundgesetzes müsste geschaffen werden, was ermuntert, sich mit den Opfern heute zu solidarisieren, damit man sie nicht später als Opfer von damals betrauern muss. Dies ist besonders von der Generation gefordert, die oft genug ihre Eltern und Großeltern - leider oft in inquisitorischer Überheblichkeit - mit der Frage konfrontiert hat, warum sie eigentlich nichts getan hätten - damals.
2. Schutz vor unserer eigenen Lethargie und Selbstzufriedenheit gegenüber der Vergangenheit sollte der Preis sein, indem er ein permanenter Stachel zur moralischen Beunruhigung wird, damit wir diesen zweiten Sündenfall nicht banalisierend handzahm machen.
3. Schutz vor der Faszination des Furchtbaren sollte er bieten. Es darf doch nicht sein, meinte ich, dass Auschwitz das letzte Wort behält. Das bedeutet hier aber - es kann kein letztes Wort ohne Auschwitz geben. Wir brauchen Gegenbilder, die uns helfen, im Angesicht von Auschwitz nicht zu resignieren und zynisch zu werden.
Diese Konzeption überzeugte hier manche Menschen, Institutionen und Unternehmen. Ohne ihr tatkräftiges Engagement wären meine Vorstellungen nichts als die Ideen eines als romantisch belächelten Lehrers geblieben.
Dieser Realitätseinsatz war notwendig, damit Taten von Jugendlichen -oftmals unter Anleitung und Zuspruch unglaublich engagierter Erwachsener - entstehen, die allesamt von der tatkräftigen Vitalität unseres Grundgesetzes zeugen. So sind wir am Auschwitz-Gedenktag die Beschenkten und oftmals auch die durch die Taten Beschämten.
Ich denke, diese 10 Jahre Bertini-Preis sind eine eindrucksvolle Widerlegung aller Schlussstrichapostel und Verdrängungsapologeten.
Möge sich der Bertini-Preis auch in Zukunft als Faktor einer solchen produktiven Beunruhigung erweisen.
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