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MANFRED LAHNSTEIN

anlässlich der Preisverleihung am 27. Januar 2008 im Ernst Deutsch Theater

Verehrter, lieber Herr Giordano,
Sehr geehrte Frau Senatorin Dinges - Dierig,
Verehrte Bertini - Beauftragte und - Freunde,
Sehr geehrte Gäste,
vor allem aber: liebe Preisträger und alle anderen jungen Anwesenden hier im Ernst - Deutsch - Theater!

                 

Es freut und ehrt mich sehr, dass ich gebeten worden bin, zur zehnten Bertini - Preisverleihung kurz das Wort zu ergreifen. Worum es heute Morgen geht, darüber haben sich die Älteren unter uns oft Gedanken gemacht. Darüber haben sie sich in vielen Gesprächen die Köpfe heiß geredet, darüber haben sie gesprochen und geschrieben. Und danach haben sie gehandelt, so gut es eben ging.

            
An die Älteren will ich mich deshalb nicht wenden, sondern an Sie, die jungen Menschen hier im Saal.

              

Ich habe zwei Kinder und drei, in Kürze vier Enkelkinder. Nach meiner eigenen Jugend habe ich über Jahrzehnte hinweg Gott sei Dank immer wieder mit jungen Menschen zu tun gehabt, und das ist auch bis heute so geblieben. Wenn ich mich frage, was ich ihnen habe eigentlich mitgeben können, dann lande ich geradewegs beim Motto des Bertini - Preises:

                  

„LASS' DICH NICHT EINSCHÜCHTERN!"

           

Was meine ich damit?

             

Also - Albert Einstein, dem wir ja nicht nur die Relativitätstheorie verdanken, sondern der auch sonst ein beeindruckender Mensch war, hat einmal geschrieben: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu werden, muss man vor allem selber ein Schaf sein". Damit hat er sicher nicht die sprichwörtliche Sanftmut dieses schönen Tieres gemeint, sondern eine andere, übrigens durch nichts bewiesene Eigenschaft, nämlich dessen Blödheit. 

       
Albert Einstein behauptet nun aber auch nicht das Gegenteil. Gegen alles und jedes zu sein, sich aus Prinzip anders zu verhalten als die jeweilige Mehrheit, das macht aus einem sanft - blöden Schaf nun auch noch keinen Löwen, sondern allenfalls einen sturen Bock.

               

Es ist also nicht so ganz einfach mit dem sich nicht einschüchtern lassen. Als Helden sind wir alle nicht zur Welt gekommen, und wie wir uns in einer zugespitzten Lage wirklich verhalten, das können wir vorher nicht einüben. Das wissen wir erst dann, wenn diese Lage wirklich eintritt. Wie wahr das ist, weiß jeder, der Ralph Giordanos Buch „Die Bertinis" aufmerksam gelesen hat.

                  

Und deshalb will ich auf die Aufforderungen eingehen, die die Broschüre zum Bertini - Preis für uns alle bereit hält.

               

Es heißt dort: ERINNERN, wenn andere vergessen. Wie wichtig, wie wahr! Und deshalb ist es auch richtig, dass wir hier am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, zusammenkommen. Das heißt aber nicht, dass wir uns im Erinnern vergraben dürfen. Helfen Sie also bitte mit, dass der Blick in die Vergangenheit immer auch einer in die Gegenwart und in die Zukunft wird. Mit Ihren preisgekrönten Projekten haben Sie bereits einen wertvollen Anfang gemacht. Sonst wird nämlich das Gedenken zum Ritual, und davon haben wir schon mehr als genug.

               

Es heißt dort: EINGREIFEN, wenn andere sich wegdrehen. Auch das ist völlig wichtig und richtig. Es ist aber keinesfalls ein Aufruf zur Tollkühnheit. Wir wollen, ja wir dürfen Sie auch nicht dazu aufrufen, furchtlos zu sein. Wer von sich behauptet, ohne Furcht und ohne Angst zu sein, der betrügt sich gerade selbst. Wer Furcht und Schwäche verdrängt, der taugt höchstens zum Macho oder zum weiblichen Gegenstück. Wer sie überwindet, der erst wird frei zum Eingreifen. Denn dann geschieht es mit Bedacht und mit Überzeugung. Helfen sie also bitte anderen darin, ihre Angst, ihre Furcht und ihre Schwäche zu überwinden. Ich habe mich deshalb besonders darüber gefreut, dass Alexander Hemker und seine Freunde mit ihrem Projekt „website gegen mobbing" unter den Preisträgern ist.

                  

Es heißt dort: SICH EINMISCHEN, wenn andere schweigen. Das ist so ähnlich wie das mit dem Eingreifen. Nun wird ja auch bei uns viel zu viel geschwiegen, auch wenn ungeheuer viel gelabert wird. Helfen Sie also bitte mit, dass Argumente auf den Tisch kommen, nicht aber Redensarten. Damit das passiert, müssen wir uns alle immer wieder auffordern, zunächst einmal geduldig zuzuhören. Das können Sie in dem ruhigen Bewusstsein tun, dass niemand die Weisheit mit Löffeln gefressen hat.

                 

Es heißt dort: UNBEQUEM SEIN, wenn andere sich anpassen. Für Anpassung verwenden wir heute einen dieser typischen neu - deutschen Begriffe. Er heißt „political correctness". Nun - entweder ist etwas korrekt oder nicht. „Political correctness" heißt deshalb für mich, dass etwas für korrekt erklärt wird, was es an sich nicht ist. Diese Art von Anpassung, und sie wird uns durch die Politik und die Medien Tag für Tag nahegelegt, die sollte unsere Sache nicht sein. Helfen Sie also bitte mit, dass möglichst viele Menschen nicht nur nachbeten, sondern zunächst einmal nachdenken. Natürlich kann auch die Mehrheit durchaus eine vernünftige Meinung haben. Zu diesem Schluss sollten wir aber selber gelangen; den darf man uns nicht aufdrängen.

               

Es heißt dort schließlich: HINSCHAUEN, wenn andere wegsehen. Damit ist ja nicht nur das gemeint, was wir mit den Augen tun, sondern auch das, was in unserem Kopf vorgeht. An sich sollte der Kopf unser edelster Körperteil sein.

            
Aber das ist er nur, wenn wir ihn benutzen. Tun das die vielen, die die Wirklichkeit in erster Linie über den Bildschirm, den Monitor oder über das Handy wahrnehmen? Tun das die vielen, die ungeprüft Urteile übernehmen, die ihnen von anderen vorgesetzt werden? Nein, sie tun es nicht. Wer zwar zusieht, nicht aber hinschaut, der nutzt seinen edelsten Körperteil nicht. Und auch so kommen die vielen fürchterlichen Vorurteile zustande, mit denen wir uns Tag für Tag herumschlagen müssen: Antisemitismus, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit.

           
Und die brutale, blinde Gewalt, die gerade unter jungen Menschen in erschreckendem Ausmaß verbreitet ist, die hat ihre Wurzeln durchaus nicht nur in dem Frust, der aus sozialer Spannung, aus Entsolidarisierung oder aus einer so genannten „Perspektivlosigkeit" erwächst, die man sich oft nur zu gerne einreden lässt. Nein, häufig genug erwächst Gewalt letztendlich aus dem beklagenswerten Umstand, dass es viele junge Menschen niemals gelernt haben, mit dem Kopf hinzusehen, also nachzudenken und sich eigene Maßstäbe zurechtzulegen.

               
Nehmen Sie also nichts als gegeben hin. Stellen Sie sich immer wieder eine ganz einfache Frage: „Warum?" Und stellen Sie diese einfache Frage auch an die anderen. Das ist der Kern der Aufforderung, sich nicht einschüchtern zu lassen.

               

Es bleibt aber noch ein wichtiger Punkt.

                  
Junge Menschen sind, so hoffe ich wenigstens, idealistisch eingestellt. Und das heißt, dass sie nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen dabei sein wollen. Das ist nicht nur gut so, sondern geradezu notwendig.

              
Wir Älteren haben zwar alle früh genug lernen müssen, dass wir die Welt nicht umstülpen können. Wir alle mussten deshalb auch gegen den resignierenden Eindruck ankämpfen, dass sich ja doch nichts ändern ließe. Es ist schon wahr - nicht aus jedem kann ein Albert Einstein, eine Gräfin Dönhoff, ein Willy Brandt oder auch nur ein Hamburger Bürgermeister werden. Aber ist das etwa ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen?

                

Natürlich nicht. Der Preis, den Sie heute erhalten, sollte deshalb für Sie auch ein Ansporn sein, Kopf und Herz weiterhin für das einzusetzen, was Sie für wichtig und notwendig halten. Genau das hat der getan, der hinter dem Namen „Bertini" steht: Ralph Giordano. Er hat bis heute seinen Kampf nicht aufgegeben, auch wenn es immer wieder Rückschläge gegeben hat. Er führt diesen Kampf weiterhin mit Kopf und Herz. Er führt ihn immer da, wo das Schicksal ihn hingestellt hat. Und genau das sollten Sie, sollten wir alle tun.

                   
Ich jedenfalls bleibe davon überzeugt, dass sich die Welt verbessern lässt, auch wenn es nur die kleine Welt unseres eigenen Umfeldes ist: unsere Schule, unsere Clique, unser Viertel, unsere Stadt. Und ich habe gelernt, dabei nicht zu viel von „denen da oben" zu erwarten. Wir werden Fremdenhass, soziale Ausgrenzung, Extremismus, Antisemitismus oder Fundamentalismus immer auch mit den Mitteln unseres demokratischen Staates, also auch mit Gesetzen und Verordnungen bekämpfen müssen. Aber: Gesetze und Verordnungen können immer nur unser Zusammenleben regeln. Sie können es nicht verbessern.
                       

Verbessern können nur wir selber, und wir können es mit anderen noch besser. Deshalb heißt es auch zu Recht in den Unterlagen für den BERTINI - Preis: „Der Preis wird an junge Menschen verliehen, die sich für ein solidarisches Zusammenleben in Hamburg engagieren."

                   

Ich möchte Ihnen also von Herzen zur heutigen Auszeichnung gratulieren und Sie ermuntern, auf diesem wunderbaren Weg weiter zu gehen.



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(Änderungsdatum: 23.06.08)