Einsatz für einen Obdachlosen
Am Abend des 5. Mai 2005 machte Timo Mesecke (25) mit seiner Freundin einen Kiez-Bummel. Als sie am frühen Morgen zur S-Bahn gingen, um nach Hause zu fahren, wurden sie Zeugen, wie Jugendliche einen Obdachlosen angriffen. Timo Mesecke, von Beruf Polizeikommissar bei der Bundespolizei - an diesem Abend jedoch nicht im Dienst -, versuchte zu schlichten und bezahlte seinen Einsatz beinahe mit dem Leben.
Am 5. Mai 2005 wurden Sie an der S-Bahn-Station Reeperbahn mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Wie kam es zu dem Anschlag auf Ihr Leben?
Mit meiner Freundin wartete ich auf die nächste S-Bahn. Hinter mir auf der Bank lag eine offensichtlich betrunkene Person, augenscheinlich ein Obdachloser. Eine Gruppe von drei bis fünf Jugendlichen ging auf ihn zu, beschimpfte ihn, und einer trat auf ihn ein. Ein Passant mischte sich ein und wurde ebenfalls beschimpft. Als ich das mitbekam, bin ich hingegangen, habe mich vor den Obdachlosen gestellt und versucht auf die Angreifer beruhigend einzureden. Die wurden lauter, fragten: „Was geht dich das an?" Als ich mich als Polizeibeamter zu erkennen gab, fingen sie an, mich anzurempeln, drängten mich gegen die hereinkommende Bahn. Einer hielt mich fest, ein anderer griff mich direkt an. Ich meinte, Faustschläge zu spüren.
Sie haben in diesem Moment nicht gemerkt, dass der Angreifer Sie mit einem Messer verletzt hatte?
Nein. Ich habe versucht, mich mit meinen Händen zu schützen, und konnte mich durch Gegenwehr befreien. Erst als andere Leute mich auf meine blutverschmierte Kleidung ansprachen, habe ich die Stiche registriert.
Was geschah dann?
Die Täter flüchteten. Ich gab zwei eintreffenden Polizeibeamten noch Hinweise, dann schleppte ich mich zum Ausgang. Ein Krankenwagen wurde gerufen und ich kam in die Universitätsklinik Eppendorf. Der Arzt hat dort glücklicherweise gleich richtig gehandelt. Damit ich nicht innerlich verblutete, wurde ich sofort operiert. Meinen Körper hatten neun Messerstiche getroffen, darunter auch in der Nähe von Halsschlagader, Herz und Niere.
Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie wieder gesund wurden?
Ich war insgesamt vier Wochen im Krankenhaus und danach noch zwei Monate dienstunfähig. In der Zeit habe ich zwölf Kilo abgenommen. Ich arbeite heute noch daran, meine körperliche Fitness wieder zu erreichen. Die große Bauchnarbe von der Operation spüre ich noch.
Wie haben Sie das Erlebnis emotional bewältigt?
Ich habe während meiner Genesung viel Unterstützung bekommen, vor allem von meiner Familie und meiner Freundin. Auch die Kollegen haben sich sehr gekümmert. Mit einigen, die in Einsätzen schon einmal bedrohliche Situationen erlebt hatten, konnte ich darüber reden. Inzwischen bin ich gesund und kann wieder arbeiten. In meinem Dienst belastet mich das Erlebnis nicht. Hier bin ich ja auch nicht allein unterwegs, sondern immer mit Kollegen. Dienstlich war ich auch schon wieder auf der Reeperbahn, das war für mich kein Problem.
Was empfanden Sie, als die Täter gefasst und verurteilt wurden?
Ich bin erleichtert, dass das jetzt erst einmal abgeschlossen ist und ich mich wieder auf meinen Alltag konzentrieren kann.
Für Ihre Zivilcourage sind Sie mit mehreren Preisen, darunter dem BERTINI-Preis, ausgezeichnet worden. Was bedeutet das für Sie?
Durch die Anerkennung fühle ich mich geehrt, aber eigentlich habe ich nur meinen Job gemacht, auch wenn ich privat unterwegs war. Als Polizeibeamter kann ich bei einer Straftat, in diesem Fall gegen den Obdachlosen, nicht einfach zusehen. Ich habe mich ja verpflichtet, andere zu schützen und mich einzusetzen.
Würden Sie wieder helfen?
Ja! Ich würde mich wieder einsetzen, das sagt mir schon mein Gerechtigkeitssinn.
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