Startseite
Kontakt
Impressum
Inhaltsverzeichnis

Seiner Unterwertigkeit wegen...

Astrid Kleinwächter und Katja Ambos wollten mehr über das Schicksal eines behinderten Waisenkindes erfahren, das von den Nazis ermordet wurde. Nach umfangreichen Recherchen dokumentieren sie die schockierenden Ereignisse.

„Er lachte so fröhlich", dachte Astrid Kleinwächter (18), als sie zum ersten Mal ein Foto des kleinen Alfred R. sah. Der Junge kam 1938 in Harburg zur Welt und wuchs als Waise auf. Er wurde nur fünf Jahre alt. Nationalsozialisten ermordeten das behinderte Kind, weil es nach ihrer Rassenideologie eine „Ballastexistenz" darstellte. Astrid und ihre Schulkameradin Katja Ambos (18) wurden in der Ausstellung „Vom Erbgesundheitsgesetz zur Euthanasie" im Helms-Museum auf das Schicksal von Alfred R. aufmerksam und waren tief bewegt. Astrid Kleinwächters Schwester ist selbst behindert.

          

Die beiden Schülerinnen des Heisenberg-Gymnasiums wollten mehr über den kurzen Lebensweg des Jungen erfahren. „Mit seinem Schicksal wollten wir die grausame Euthanasiepolitik der Nationalsozialisten darstellen", so Katja Ambos. Die ersten Anstöße für das Thema hatten die Schülerinnen von Klaus Möller bekommen, einem ehemaligen Lehrer des Heisenberg-Gymnasiums, der schon mehrere Schülerarbeiten zum Thema Nationalsozialismus betreut hat.

               

Astrid Kleinwächter und Katja Ambos begannen im Frühjahr 2005 mit der Recherche in Fachbüchern, im Internet und in Archiven und zum Ende der Sommerferien dann mit der schriftlichen Ausarbeitung. Drei Monate vergingen wie im Flug. „Wir hatten kaum noch Freizeit, meine schulischen Leistungen litten darunter", erinnert sich Katja. Doch die Mühe war es wert. Herausgekommen ist eine 123 Seiten umfassende Dokumentation mit dem Titel: „Seiner Unterwertigkeit wegen nicht tragbar".

               

„Das Titel ist ein Zitat und stammt aus einem ärztlichen Gutachten über Alfred. Er steht für das Schicksal vieler Menschen, die Opfer des NS-Mordprogramms wurden", erklärt Astrid. Durch ihre Arbeit bekamen sie eine Vorstellung davon, wie systematisch die Nazis behinderte und kranke Menschen erst aussonderten und schließlich töteten. Es begann mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das die Zwangssterilisation beinhaltete und gipfelte in der Einführung der Euthanasie. „Mit der T4 -Aktion, einem Mordprogramm, wurden 65.000 psychisch Kranke getötet", berichtet Astrid. Die Kinder-Euthanasie fand in „Tötungsanstalten mit Kinderfach-Abteilungen" statt, die Kinder wurden meist vergiftet. So wie Alfred.

              

Alfred war nach dem Tod seiner Mutter ins Kinderheim gekommen. Dort entwickelte er sich zu langsam. Von dem zuständigen Arzt wurde der leicht behinderte Junge als schwachsinnig eingestuft und in die Alsterdorfer Anstalten überwiesen. Nach drei Jahren in der Hamburger Einrichtung verlegte man ihn in den Kalmenhof im hessischen Idstein. Hier wurde er vergiftet.

                

Die damalige „moralische Mittäterschaft" der Alsterdorfer Anstalten behandelten die Schülerinnen in einem Extra-Kapitel. Im Jahre 1850 mit dem Anspruch der Hilfe für sozial benachteiligte Kinder gegründet, wandelte sich die Moral in der Einrichtung während der NS-Zeit. „Die Verantwortlichen begrüßten die Erbgesundheitsgesetze", erläutert Astrid. Erst Mitte der 1980er Jahre begann die Stiftung Alsterdorf das dunkle Kapitel aufzuarbeiten. Dr. Michael Wunder, psychologischer Leiter des Beratungszentrums Alsterdorf und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte der Alsterdorfer Anstalten, unterstützte die Schülerinnen und gewährte ihnen Einsicht in Alfreds Krankenakte.

              

„Es war schockierend zu lesen, wie Alfred vernachlässigt wurde, sich mehr und mehr zurückzog und schließlich nach Idstein abgeschoben wurde", berichtet Katja. Astrid musste während der Recherche bestürzt feststellen, dass auch ein Haus im Lüneburger Landeskrankenhaus, in dem ihre Schwester heute gut umsorgt lebt, damals eine Tötungsanstalt war. Ihre Erkenntnisse veranlassten die beiden Schülerinnen dazu, sich auch weiterhin zu engagieren. „Wir wollen aufrütteln und über das damalige Unrecht informieren, auch vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur aktiven Sterbehilfe", sagt Astrid, die nach dem Abitur Medizin studieren will. Zusammen mit Katja setzte sie sich dafür ein, dass eine Wanderausstellung über „Euthanasie in Hadamar" im Harburger Rathaus gezeigt wurde.

              

Ihr Preisgeld spendeten die Schülerinnen für die Anfertigung eines Stolpersteins zum Gedenken an Alfred R. - dem Kind aus Harburg, das nur fünf Jahre leben durfte.



Artikel drucken
Lesezeichen setzen

(Änderungsdatum: 23.06.08)