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Die verbotenen Klänge der Freiheit

Die beiden Schülerinnen Nura Behjat und Gesa Schwabe wollten darauf aufmerksam machen, dass Jugendliche in der Nazi-Zeit inhaftiert wurden, nur weil sie gerne Swing und Jazz-Musik hörten. In einer umfangreichen Arbeit gingen die Abiturientinnen des Heisenberg-Gymnasiums der Geschichte der Harburger und Hamburger Swing-Jugend in der NS-Zeit nach.

Dass es verboten ist, eine bestimmte Musik zu hören und nach ihr zu tanzen, dass Konzerte gesprengt werden, Haftstrafen drohen und Jugendliche zu Staatsfeinden gemacht werden, konnten sich Gesa Schwabe und Nura Behjat nur schwer vorstellen. »Für uns gehört Musik zum Leben, es bedeutet Freiheit«, sagen die bei-den Schülerinnen des Heisenberg-Gymnasiums in Harburg, die als Querflötistinnen auch im Schulorchester aktiv sind. Durch einen Artikel in einer Informationsbroschüre ihrer Schule erfuhren sie, welchen Repressalien Jugendliche in der Nazi-Zeit ausgesetzt waren, nur weil sie gerne Swing und Jazz hörten.

          

»Für uns war das neu, wir hatten vorher nichts über die Swing-Kids und deren Verfolgung in der NS-Zeit gehört«, berichtet Nura Behjat (18).

            

Das machte sie und ihre Schulfreundin Gesa Schwabe (19) neugierig. Sie begannen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die Ergebnisse in einer schriftlichen Arbeit zu dokumentieren. »Wir fühlten uns geradezu verpflichtet aufzuschreiben, dass es unter den Nazis schon wegen des persönlichen Musikgeschmacks Verfolgung gegeben hat«, bestätigt Gesa Schwabe. Die Schülerinnen wühlten sich zunächst durch die Literatur. Sie wollten den Spuren der Swing-Jugend in Hamburg und besonders in ihrem Stadtteil Harburg nachgehen. Sie informierten sich auch über den Ursprung des Swing.

          

Dazu sagt Nura Behjat: »Begonnen hat alles in New Orleans, dem Schmelztiegel der Kulturen, wo sich der afro-amerikanische Jazz und seine Spielart der Swing entwickelten«. Anfang des 20. Jahrhunderts schwappte die neue amerikanische Musik mit ihren Tänzen nach Europa. Statt für Volksmusik begeisterten sich viele Jugendliche für den locke-ren Jazz und die unbeschwerte Tanzweise. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, vereinnahmten sie den Rundfunk für ihre Propagandazwecke, »bald wurde auch das Ausstrahlen von Jazz verboten, er wurde als Negermusik diffamiert«, berichtet Gesa. Der Swing blieb zunächst noch verschont, »weil sie ihn zunächst nicht als Jazz erkannten«, so Gesa weiter. Das Verbot kam schließlich 1937, doch das ›Swing-Fieber‹ hatte sich bei den jungen Deutschen weiter ausgebreitet. »Die Jugendlichen erkannten sich an ihrer Kleidung, ihren Schieber-mützen, und einem Pfennig am Revers«, erzählt Nura. Doch es gab auch Prügeleien mit der Hitler-Jugend und manche Swing-Kids wurden zum Friseurbesuch gezwungen. Die Verbote waren 1939 auf Konzerte und Tanzveranstaltungen ausgeweitet worden.

           

Die Swing-Jugend versuchte sich privat zu treffen, denn in den öffentlichen Treffpunkten wie dem Alsterpavillon oder dem Cafe Gloria in Harburg gab es immer wieder Razzien.

             

Zwischen 1940 und 1945 wurden rund 400 Jugendliche in Hamburg wie Verbrecher festgenommen, etwa 70 von ihnen kamen ins KZ. Heinrich Dringelburg berichtete den Schülerinnen über seine Haft im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. »Er saß als Jugendlicher zwölf Tage im Gefängnis, wurde von der Gestapo verhört, sollte Anführer nennen, die es gar nicht gab«, berichtet Gesa. »Es war das erste Mal seit mehr als 50 Jahren, dass er darüber gesprochen hat, und es fiel ihm nicht leicht«, erzählt Nura. Die Gymnasiastinnen waren sehr bewegt von den Berichten und sahen sich »in der Verantwortung gegenüber den Zeitzeugen und dem Vertrauen, das sie uns entgegengebracht haben, unsere Arbeit zu beenden«, so Nura.

          

Eine Dokumentation von 80 Seiten haben sie erstellt, mit klar gegliederten Kapiteln, vielen anschaulichen Berichten und Zitaten und reichlich Fotomaterial. Nachdem sie sich in den Sommerferien in die Literatur eingelesen hatten, Veranstaltungen besucht und mit den Zeitzeugen Gespräche geführt hatten, haben sie drei Monate lang geschrieben. Ihr Antrieb: »Wir möchten, dass dieses Unrecht gegenüber den Jugendlichen nicht in Vergessenheit gerät«, sagen Gesa und Nura. Deshalb war für beide auch klar, dass sie sich weiter engagieren. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe ›Jugend unterm Hakenkreuz‹ der Initiative ›Gedenken in Harburg‹ haben die Beiden im November vergangenen Jahres Texte von Verfolgern und Verfolgten gelesen und das Big Band Orchester des Heisenberg-Gymnasiums für die musikalische Begleitung gewinnen können. In diesem Jahr planen sie eine ähnliche Veranstaltung in Neuengamme.



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(Änderungsdatum: 23.06.08)