Vergesset uns nicht!
Die Theatergruppe des Gymnasiums Grootmoor wollte mehr wissen über die Kinderschicksale in der Nazi-Zeit. Die zehn Schülerinnen und Schüler befassten sich mit dem Alltag von Kindern im Ghetto von Warschau. Und sie besuchten die Gedenkstätte Bullenhuser Damm, in der an die Ermordung von 20 Kindern erinnert wird. Danach war den Schülerinnen und Schüler klar, wie sie ihre Erkenntnisse umsetzen wollten: mit einem eigenen Theaterstück zur Erinnerung an die Kinder im Holocaust.
»Wir werden nicht behaupten, wir wären jene Kinder und Jugendliche. Wir wollen von ihnen sprechen.« Mit diesen Worten beginnt die Inszenierung »Vergesst uns nicht« der Theatergruppe des Gymnasiums Grootmoor. Gemeint sind die Kinder und Jugendlichen, die während der Zeit des Nationalsozialismus leiden mussten. Jene, die versuchten, in Ghettos und Konzentrationslagern zu überleben, und jene, die von den Nazis ermordet wurden. Die zehn Mitglieder der TheaterAG stellten die Kinderschicksale in einer szenischen Collage zusammen und auf der Bühne dar. »Genähert haben wir uns dem Thema mit dem Stück ›Doch einen Schmetterling hab ich hier nicht gesehn‹ von Lilly Axster. Daraus übernahmen wir auch den Prolog und einige Szenen«, erklärt Schülerin Louise Marx. Im Herbst 2005 hatten die 12- bis 15-Jährigen begonnen nach einem neuen Stück zu suchen. Das Thema war von der Lehrerin und dem Betreuer der Theater AG, Heike Hüsers und Lars Krause, vorgeschlagen worden. Bei dem Stück von Lilly Axster fühlten sich die Schüler vor allem von den Szenen über den Alltag der Kinder im Ghetto angesprochen. Denn die Ghettokinder konnten das Lager durch Schlupfwinkel verlassen. Über Wasserkanäle schmuggelten sie für die anderen Insassen Lebens-mittel ins Lager. Dabei mussten sie sehr vorsichtig sein, um nicht ent-deckt zu werden. »Es war beeindruckend zu erfahren, wie die Kinder es geschafft haben, zu überleben«, sagt Friederike Marcus.
Um das Thema zu vertiefen, besuchte die Theatergruppe auch die Gedenkstätte in der Schule am Bullenhuser Damm. Sie erinnert an 20 ermordete Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Sie waren im KZ Neuengamme qualvollen medizinischen Experimenten ausgesetzt. Im April 1945 wurden sie in die ehemalige Schule am Bullenhuser Damm gebracht. Der dortige stellvertretende Lagerkommandant SS-Rottenführer Johann Frahm hatte den Befehl sie zu töten. Er erhängte sie. Für die Morde wurden er und weitere Mittäter 1946 in einem Prozess im CurioHaus angeklagt und verurteilt. »Wir waren so erschüttert über den grau-samen Umgang mit den Kindern, dass wir beschlossen, ihre Geschichte in unser Stück aufzunehmen«, sagt Cordula Hinsen, die einen Richter spielt. Die Schüler stellten die Gerichtsverhandlung mit eigenen Texten und Auszügen aus den Verhörprotokollen nach. »Aus dem Off sprachen wir unsere Fragen, die wir an den Angeklagten Frahm gehabt hätten«, schildert Aimo Drießel-mann. Das machte die Szenen anschaulich und beklemmend zugleich. »Wir haben auch versucht, den Gegensatz zu zeigen zwischen einem Familienvater und einem, der unschuldige Kinder umgebracht hat«, erklärt Darstellerin Clara Wolff.
Herausgekommen ist eine rund einstündige Collage aus Ghetto- und Familienszenen sowie der Gerichtsverhandlung mit eigenen Texten. Die jungen Darsteller entschieden sich für den Titel »Vergesst uns nicht«, weil »wir daran erinnern wollten, dass eben auch Kinder in der NS-Zeit umgebracht worden sind«, so Louise Marx. »Wir möchten möglichst viele Jugendliche mit unserem Stück ansprechen, denn das Thema National-sozialismus ist für manche nicht mehr so wichtig«, erklärt Theresa Hochhard. Als Unterrichtsthema werde es heute von vielen Schülerinnen und Schülern als langweilig empfunden, »mit einem Theaterstück kann man da eher wieder Interesse wecken«, meint Aimo. Motivation genug für die TheaterAG, mindestens einmal in der Woche nach dem Unterricht zu proben und bei Bedarf auch mehr. Im vergangenen Sommer führte die Gruppe ihr Stück schließlich dreimal mit Erfolg in der Schule auf, es folgte ein weiterer Auftritt bei der 1. Nacht der Jugend im Rathaus am 9. November. Auch in diesem Jahr freuten sich die Schülerinnen und Schüler auf einen Aufführungstermin: am 20. April, dem Todestag der 20 ermordeten Kinder, werden sie ihr Stück auf Einladung der Vereinigung »Kinder vom Bullenhuser Damm e.V.« erneut spielen.
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