Spuren der Erinnerung
Eher zufällig wurde Justus von Grone auf die schwarzen Tafeln aufmerksam. Die Stahlplatten hängen an verschiedenen Stellen inHamburg, sie erinnern an die Orte des Widerstandes und der Verfol-gung in der Nazi-Zeit. Den damaligen Gymnasiasten motivierten sie zu einem außergewöhnlichen Fotoprojekt gegen das Vergessen.
Justus von Grone erinnert sich: »Als ich an einem grauen nasskalten Wintertag durch die City ging, blieb mein Blick an einer Texttafel hängen«. An der Fassade des Hauses Jungfernstieg 50 informierte ihn eine schwarze Tafel über den Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe »Weiße Rose«. Ihr Treffpunkt war die frühere Buchhandlung des Hauses, dort wurden Aktionen gegen das Nazi-Regime geplant. Justus von Grone wurde neugierig. »Mir fiel ein, dass ich auch am Thalia-Theater schon eine ähnliche Tafel gesehen hatte, die über eine kommunistische Widerstandsgruppe informierte.« Der damalige Schüler wollte mehr über die Tafeln wissen und fragte beim Denkmalschutzamt nach.
Er erfuhr, dass in Hamburg 29 Tafeln an verschiedenen Orten hängen. Durch eine Initiative der Kulturbehörde wurden die schwarz emaillierten Stahlplatten angebracht, um »Stätten der Verfolgung und des Widerstands von 1933 bis 1945« zu zeigen, die »verdrängte und unterdrückte Aspekte der hamburgischen Geschichte« sichtbar machen. Kurze Texte berichten, was an den einzelnen Orten geschehen ist und welche Schicksale die Menschen erlitten haben. Wie etwa die Mitglieder des Hamburger Zweigs der »Weißen Rose«. 30 von ihnen wurden ab 1943 verhaftet, acht kamen in der Haft um oder wurden hingerichtet. »Für mich war es neu, dass in Hamburg mehrere kleine Widerstands-gruppen aktiv waren«, erzählt Justus von Grone. Er wollte mehr Menschen auf die Orte des Widerstandes aufmerksam machen und begann die einzelnen Tafeln in Schwarz-Weiß zu fotografie-ren. »So entstand eine Zeitreise in die braune Vergangenheit Hamburgs, deren Spuren ich mit meiner Minolta-Kamera einfing«, beschreibt Justus von Grone die Entwicklung seines Fotoprojektes »Das Zusammentreffen der Schwarzen Tafeln.« Zu den aufgenommenen Motiven gehört die Tafel am Thalia Theater, die neben der kommunistischen Widerstandsgruppe auch auf den Bühnenbildner Otto Gröllmann hinweist. Bis 1942 konnte er das Archiv der Widerständler im Thalia Theater verstecken. Andere Tafeln erinnern an Zwangsarbeit und Hinrichtungen in Konzentrationslagern wie Neuengamme oder die Ermordung der Kinder vom Bullenhuser Damm. Justus von Grone wählte 18 Tafeln aus und entwickelte ein Konzept für eine Ausstellung. »Die in einem Außenraum weitläufig verstreuten Tafeln sollten in einem verdichteten Raum zusammenge-führt werden, in dem der Betrachter sie auf sich einwirken lassen kann«, erklärt der 22-Jährige. Um die Besucher von ihren aufkommenden Gedanken und Assoziationen nicht abzulenken, präsentierte er außer den 50x60 Zentimeter großen Fotografien keine weiteren Bilder.
Schon nach der ersten Ausstellung an seiner ehemaligen Schule, dem Gymnasium Ohlstedt, bekam er positive Rückmeldungen. »Obwohl es ja eher nüchtern ist, Fotos von Texttafeln zu betrachten, hat besonders die Nüchternheit bei vielen die Neugier geweckt", so Justus von Grone. Auch nach seinem Abitur ließ ihn das Thema nicht los. Er ergänzte seine Ausstellung mit weiteren Materialien wie Fragebögen für Schüler und zeigte 2006 seine Ausstellung erneut - dieses Mal ein halbes Jahr lang in der Gedenkstätte KZ Neuengamme.
Mittlerweile hat der Wirtschaftstudent die Uni gewechselt, er zog von Hamburg nach Leipzig. Ausstellungen plant er in der Hansestadt weiter hin. „Ich möchte nicht nur Schülern die schwarze Topographie Hamburgs zeigen, sondern auch bei einem breiten Publikum Interesse für die Thematik wecken", so der Student. Da es von Jahr zu Jahr immer weni-ger Zeitzeugen geben wird, sollte die Kenntnis über das Unrecht der Nationalsozialisten auf andere Weise vermittelt werden, ist er überzeugt. Die Botschaft seiner Ausstellung fasst Justus von Grone denn auch, ohne lange zu überlegen, zusammen, sie richtet sich: „Gegen das Vergessen.«
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