Startseite
Kontakt
Impressum
Inhaltsverzeichnis

Yesim gehört zu uns!

Es war um 8 Uhr am Morgen des 3. April 2006, als die Polizei vor der Tür von Yesims Familie stand. »Ich habe am ganzen Leib gezittert«, erinnert sich die Schülerin der Ganztagsschule St. Pauli. Die Beamten wollten die Ausweise der Familie sehen. Doch die damals dreizehnjährige Yesim Karakadioglu, ihr älterer Bruder und ihre Mutter besaßen keine Aufenthaltsgenehmigung. »Seit meinem ersten Lebensjahr lebe ich mit meiner Mutter und meinem Bruder illegal in Deutschland«, so Yesim, die in der Türkei geboren wurde. Die Familie wohnte bei legal gemeldeten Verwandten.

Für Yesim bedeutete das Leben hier vor allem Vorsicht. »Ich durfte nie auffallen, bei keinem Sportverein mitmachen, nicht zum Arzt gehen oder zu einer Behörde«, so die Vierzehnjährige. Das ging solange gut, bis ein anonymer Anrufer die Familie bei der Polizei anzeigte. Yesims Bruder floh an jenem Morgen, ihre Mutter wurde mit zur Ausländerbehörde genommen, Yesim selber konnte die Beamten überzeugen, dass sie in Hamburg die Schule besucht und durfte noch einmal zum Unterricht gehen.

          

»Sie kam weinend in die Klasse, sagte uns, ich verabschiede mich von euch, ich muss zurück in die Türkei. Da haben wir erst erfahren, dass sie illegal hier lebt«, entsinnt sich Yesims Freundin Aysun Ametoglou. Die 27 Schülerinnen und Schüler der damaligen Klasse 7a der Ganztags-schule St. Pauli waren schockiert. Sie konnten nicht verstehen, dass ihre Mitschülerin und Klassensprecherin in ein für sie fremdes Land abgeschoben werden sollte. »In der Türkei kennt sie niemanden, hier ist ihr Zuhause«, sagt Suzana Jasarova. Die Mitschülerinnen und -schüler, die zum großen Teil selber aus so unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, Portugal, Mazedonien, Griechenland, Iran oder Polen stammen, wollten versuchen, die Abschiebung mit aller Kraft zu verhindern.

           

Und Enes Kaya schildert: »Zuerst haben wir in einer Ideenbörse gesammelt, was man alles tun könnte«. Die Klasse entschloss sich, Protestplakate zu entwerfen mit Aufschriften wie »Yesim gehört zu uns« oder »Lasst Yesim in Ruhe«. »Damit wollten wir vor dem Rathaus demonstrieren«, erzählt Klassenkamerad Patrik Graca Lopes. Klassenlehrerin Pia Witt, weitere Lehrkräfte und der Sozialpädagoge der Schule, Axel Wiest, verfassten als Privatpersonen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auch eine Petition an den Eingabenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft. Am 11. April marschierte die Klasse mit ihren Plakaten zum Rathaus. In dem hatte Yesim noch kurz zuvor einen Preis erhalten, zusammen mit ihrer Band aus dem Musikbus Jamliner, einem Projekt der Staatlichen Jugendmusikschule. Nun stürzten auf dem Rathausplatz Journalisten mit Mikrofon und Fernsehkamera auf sie zu. »Yesim, die so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt war, fühlte sich bedrängt und konnte nicht aufhören zu weinen«, sagt Klassenlehrerin Pia Witt. »Im Rathaus sind wir vom Bürgerschaftspräsidenten empfangen worden und haben unsere Petition abgeben«, berichtet Mitschüler Kevin Giermann. Als nächstes hatte sich die Klasse einen Sponsorenlauf für Yesim überlegt. Denn für die Anwaltskosten und den Lebensunterhalt brauchte Yesim dringend Geld. Dafür hat sich die ganze Schule am 9. Mai, dem Geburtstag von Yesim, im Millerntor-Stadion versammelt. »Für jeden Euro, den wir sammeln konnten, wollten wir eine Runde laufen«, erklärt Suzana. Doch bevor es losging, sangen alle für ihre Mitschülerin gemeinsam »Happy Birthday«. Yesim war gerührt von dieser Überraschung: »Das war ein tolles Geschenk«, sagt sie. Mit ihrem Sponsorenlauf haben die Schüler 2300 Euro gesammelt. Durch weitere Spenden kamen insgesamt 4000 Euro zusammen.

            

Mitte Mai entschied die Kommission der Bürgerschaft, dass ein Härte-fall bei Yesim vorliegt, und gab die Eingabe weiter an die Ausländer-behörde. Am 31. Mai erhielt Yesim schließlich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. »Als wir das erfuhren, hat die ganze Klasse gejubelt«, erzählt Aysun. Die Schüler und Schülerinnen waren stolz auf ihr Engage-ment, sie dokumentierten ihre Initiative in einem Ordner mit 120 Seiten, davon 22 handgeschrieben.

           

Als ihnen auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters der BERTINI-Preis überreicht wurde, sagte Yesim voller Stolz über ihre Mitschüler: »Ich habe die beste Klasse auf der ganzen Welt.«



Artikel drucken
Lesezeichen setzen

(Änderungsdatum: 23.06.08)