ZEUGNISSE DER ZERSTÖRUNG
In der Grund-, Haupt- und Realschule Charlottenburger Straße in Jenfeld kümmert sich jedes Jahr eine Klasse um das Mahnmal am Joseph-Carlebach-Platz. Es erinnert an die, von den Nazis zerstörte, größte norddeutsche Synagoge. Als die R8 das Projekt übernimmt, betreibt sie nicht nur die Pflege der Grünfläche, sondern folgt mit archäologischer Arbeit auch den Spuren der Geschichte.
Die größte Synagoge Norddeutschlands, ein prachtvoller Bau mit einer 40 Meter hohen Kuppel, stand am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel. Als sie 1906 eingeweiht wurde, »fühlten sich Hamburgs Juden hier angekommen«, so Ralph Giordano. Doch in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und schließlich abgerissen. Die Kosten musste die jüdische Gemeinde tragen. Erst 50 Jahre später, am 9. November 1988, entstand an der Stelle ein Mahnmal. Ein Bodenmosaik im Grundriss der ehemaligen Synagoge und eine Gedenktafel erinnern heute an das Unrecht. Der Platz bekam zum Gedenken an den letzten Oberrabiner vor dem Krieg den Namen Joseph-Carlebach-Platz.
Seit einigen Jahren drohte das Mahnmal zu verwildern. „Deshalb begann 2003 eine Klasse unserer Schule im Rahmen eines sozialen Projektes mit der Pflege des Platzes«, erklärt Durmis Özen Palma, Lehrer an der Grund-, Haupt- und Realschule Charlottenburger Straße in Jenfeld. Jedes Jahr wurde die Pflege an eine neue Klasse weitergereicht, im vergangenen Jahr übernahm die R8 diese Aufgabe. »Bei einem Kontakt mit dem Archäologen und Museumspädagogen Thorsten Helmerking kam es zu der Idee, dort eine Ausgrabung durchzuführen und damit Geschichte begreifbar zu machen«, erzählt Durmis Özen Palma. Die 21 Schülerinnen und Schüler sollten mit der Grabung die Chance bekommen, Spuren der Geschichte zu entdecken und zu ihren Zeugen zu werden. Die R8 war von der Idee ihres Klassenlehrers begeistert. Gemeinsam bereiteten die Schülerinnen und Schüler die Projektwoche vor. »Herr Helmerking kam in unsere Klasse und hat uns erklärt, wie man eine Ausgrabung macht«, erzählt Esra Kocak (14). Die Schülerinnen und Schüler studierten Karten mit der Lage der früheren Synagoge. »Wir haben auch Referate gehalten, zum Beispiel über den Oberrabiner Joseph Carlebach", ergänzt Amina Malmudirovic (14). Zudem musste eine Grabungsgenehmigung eingeholt werden, das Projekt mit der Abteilung Bodendenkmalpflege des Helms-Museums und mit der jüdischen Gemeinde abgesprochen werden. Die Klasse beantragte auch eine Förderung bei der Aktion »denkmal aktiv« der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und erhielt Geld für Arbeitsmaterialien.
Am 9. Oktober vergangenen Jahres startete das Projekt. Eine Woche lang waren die Jugendlichen täglich von 8 Uhr morgens bis 14 Uhr aktiv. »Wir haben zuerst die Fläche abgesteckt, dann die obere Erdschicht mit Schaufeln abgetragen«, schildert Ali Omar (13) die Anfänge. Andere Mitschüler begannen die Grünfläche des Platzes zu säubern, Laub zu harken, die Rasenkante zu schneiden und Moos aus den Ritzen zu kratzen. »Dabei haben wir entdeckt, dass der Grünstreifen einmal eine schöne Gartenanlage war«, berichtet Daniel Asmus (14). Schon am zweiten Tag machte die Klasse eine Entdeckung:
Die Klasse war stolz auf ihre Ergebnisse. „Wir hätten nicht erwartet, etwas zu finden“, sagt Amina. »Wir haben bewiesen, dass dort früher wirklich eine Synagoge stand«, meint Ali. »Das ist wichtig, dass wir die Reste selber gesehen haben, denn es gibt ja Leute, die das alles immer noch abstreiten«, fügt Daniel hinzu. „Ich habe bei der Vorbereitung auch viel über das jüdische Leben gelernt“, sagt die Muslimin Amina. Am 8. November legte die Klasse an der Grabungsstelle ein Beet in Form eines Davidsterns an und bepflanzte es mit Narzissenzwiebeln. Und sie luden eine Zeitzeugin in die Schule ein. Riesig freuten sich die Schülerinnen und Schüler über den BERTINI-Preis und Ralph Giordanos anerkennende Dankesworte.
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