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RALPH GIORDANO

zur 10. Verleihung des BERTINI-Preises am 27. Januar 2008 im Ernst Deutsch Theater

Ralph Giordano während seiner Rede anlässlich der Bertini-Preisverleihung 2008Liebe Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, meine lieben Freundinnen und Freunde, Sie alle, wie Sie hier versammelt sind,

                    
Lassen Sie mich anlässlich der 10. Verleihung des „Bertini-Preises" ein Wort zur Entstehungsgeschichte jenes Buches sagen, das ihm seinen Namen verliehen hat. Es hat ein Urdatum: Die Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1942. Dazu heißt es in meiner kürzlich erschienenen Autobiographie „Erinnerungen eines Davongekommenen ":

            
„Plötzlich war er da, in der Schwärze der Stunde, wie ein grelles, augenschmerzendes Licht, ein lautloser, gewaltiger Schlag, eine stechende Kraft, die mich hochtrieb in die Sitzhocke und so atemlos verharren ließ: Der Entschluss, den Rohstoff des eigenen Lebens zur literarischen Vorlage für einen Roman zu machen - die Idee vom Buch. Danach fiel ich zurück, blieb mit offenen Augen liegen und fühlte, wie es in mir hämmerte: DU hast es, Heureka, endlich hast du es.' Noch ohne jede konkrete Vorstellung, wie das Werk ausfallen würde, wusste ich doch, welche Riesenaufgabe ich mir da gerade gestellt hatte, und dass mich nur eines hindern könnte, diesen Himalaya mit dem Teelöffel abzutragen - der Tod. Sonst nichts."

                 

So steht es geschrieben da, und so war es - fast auf den Tag vor 66 Jahren, aber für mich immer noch, als sei es gestern gewesen. Ich war damals achtzehn Jahre, Sohn einer jüdischen Mutter und besetzt von der allgegenwärtigen Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod als zentrales Lebensgefühl. Und das nicht, weil wir uns auf die Straße stellten und brüllten „Nieder mit Hitler!", sondern weil wir da waren auf der Welt - unser Verbrechen war unsere biologische, unsere körperliche Existenz. Und die Aussicht auf Befreiung durch den Sieg der Alliierten gegen Hitlerdeutschland, diese Voraussetzung für das „Buch", eine Fata morgana.

                  
Keine dichterische Phantasie, auch nicht die eines Goethe, Schiller, Dante oder Shakespeare hätte sich ausmalen können, was es bedeutete, unter den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands gefallen zu sein. Ich scheue mich, Ihnen selbst kurze und unvollständige Einblicke davon zu geben, mute es Ihnen aber dennoch zu, weil laut jüngstem Verfassungsschutzbericht an die 18.000 rechtsextrem motivierte Anschläge bestätigen: Hitler, und was der Name symbolisiert, ist zwar militärisch geschlagen, aber geistig, oder besser ungeistig, ist er immer noch lebendig. Nicht nur an der Front des gewalttätigen Ausländer-, Fremden- und Judenhasses, sondern bis hinein in das Schlips- und Kragenmilieu der gesellschaftlichen Mitte. Von dort tönt es, immer noch oder schon wieder, der Nationalsozialismus habe „auch seine guten Seiten gehabt" und „so schlimm sei es gar nicht gewesen..."

              
Glaubt solchen Stimmen nicht - ich weiß es besser! Und wusste es schon damals, in jener Januarnacht 1942, und lange vorher.

                   
Sommer 1935. Gerade zwölf geworden, betrete ich da oben in Hamburg-Barmbek die Straße, um mich wie üblich meinen Spielgefährten zuzugesellen. Da baut sich mein gleichaltriger und bester Freunde Heinz, genannt Heinemann, mit dem ich Tür an Tür groß geworden war, vor mir auf und schreit: „Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude..." Das war wie - eine Hinrichtung, etwas, wovon man sich nie erholt. Noch heute, 72 Jahre später, läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich Ihnen davon berichte. Aber es war nur der Anfang. Versuchen Sie sich vorzustellen: Juden war der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerten, Museen und Bibliotheken verboten. Das gleiche galt für Hotels, Restaurants und Cafes, an deren Eingängen „Juden unerwünscht" stand, wie auf öffentlichen Bänken „Nicht für Juden". Juden wurden Kraftfahrzeuge und Führerscheine entzogen sowie Fernsprechanschlüsse gekündigt. Kinder mussten in separate Schule gehen und blinden Juden wurde nicht erlaubt, die gelbe Armbinde zu tragen - weil das Mitleidsgefühle wecken und die „Gefahr" heraufbeschwören könnte, ihnen behilflich zu sein. Versucht Euch, Ihr Schülerinnen und Schüler des Jahres 2008, vorzustellen: Eure Mutter, Euer Vater, eure Geschwister und ihr selbst, dürften nach 20.00 Uhr nicht mehr auf die Straße gehen, einen Stern wie ein gelbes Brandmal tragen, im Krankheitsfall keinen Lohn oder kein Gehalt erwarten und sich nur bei bestimmten Friseuren das Haar schneiden lassen - ein winziger Ausschnitt aus einem hundertfachen Verbotskatalog. Und über allem, tagaus, tagein, Monate, Jahre, Angst, nichts als Angst. Versucht euch das vorzustellen.

                  
Und wie berechtigt diese Angst war! Bei Kriegsausbruch, Anfang September 1939, ich war sechzehn, wurde ich verhaftet und ins Stadthaus gebracht: Spielkameraden von mir, denen ich vertraut hatte und die ich von früh auf kannte, hatten sich über lange Zeit meine „staatsfeindlichen Äußerungen" aufgeschrieben und über die Eltern weitergegeben - an die zuständige Adresse: Gestapo, Leitstelle Hamburg, Ecke Stadthausbrücke, Neuer Wall. Dort wurde ich in einen hölzernen Käfig gesperrt, in dem ich weder sitzen, aufrecht stehen noch liegen konnte, und das drei Tage lang. Seit dem Herbst 1941 wussten wir, dass in den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion Juden von mobilen Mordkommandos hinter und an der deutschen Ostfront massenhaft umgebracht wurden. Und dann, das Würgeisen der Rassengesetzgebung immer enger um den Hals, warten, warten auf den Deportationsbefehl, auf die Trennung, auf den sicheren Tod. Nicht nur den eigenen, sondern auch für die geliebtesten Menschen auf der Welt - Vater, Mutter, Schwestern und Brüder. Stellt Euch das vor...

                  
Eigentlich, noch einmal, will ich Euch das gar nicht zumuten, und doch muss es sein. Und doch sollt ihr wenigsten eine kleine Ahnung haben von dem, was geschehen war, als ich in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1942 die Idee zum Buch hatte, also das eigene Leben als Rohstoff für einen Roman zu nehmen - in völliger Ungewissheit, was noch kommen würde. Und was dann nach dieser Nacht, nach diesem Entschluss dann auch kam und alle bisherigen Schrecken weit in den Schatten stellte. Verhöre, Folter, Misshandlungen. August 1944, im Gebäude der Rassengestapo Hamburg am hafennahen Johannisbollwerk: Während zwei Männer mich windelweich schlagen, unterhalten sie sich über Tomatenstauden, die sie auf ihren Balkons züchteten, und welcher Dünger dafür wohl der beste wäre. Dann Zwangsarbeit, schließlich der lange erwartete Deportationsbefehl, und Flucht in ein Versteck - Kälte, Dunkelheit, Ratten, von denen wir angenagt wurden, und die ständige Angst, entdeckt zu werden. Angst aber auch um unsere „Wirtin", Gretel Schulz, die wusste, dass bei unserer Entdeckung ihr Leben genau so verwirkt sein würde, wie das unsere - die uns dennoch versteckte und der ich bis an mein Ende dankbar sein werde. Als wir kurz vor dem Hungertod am 4. Mai 1945 erlöst wurden, konnten wir, Eltern und drei Brüder, vor Schwäche unseren Befreiern nicht aufrecht entgegengehen - also haben wir uns kriechend auf die Panzer der 8. Britischen Armee zu bewegt.

                  
Von unserer einstigen Habe hatten wir nichts gerettet, keinen Löffel, keine Gabel, alles, aber auch alles war unterwegs bis zu diesem Tag verlorengegangen. Bis auf eines, neben unserem Leben Wichtigste, etwas, das ich gehütet und unversehrt durch alle Fährnisse der Zeit gebracht hatte: die Manuskripte, die gesammelten Aufzeichnungen, die ich seit jener Januarnacht 1942 für das „Buch" gemacht hatte, Hunderte von Notizen über die Familiengeschichte und über das schreckliche Selbsterlebte dieser zwölf Jahre. Ein Konvolut, ohne das ich das Buch nicht hätte schreiben können, und wovon kein Wort, keine Silbe gelöscht oder mir abhanden gekommen war, nicht eine.

                       
Dann, im Sommer 1945, nachdem ich wieder wie ein Mensch aussah, setzte ich mich in die Ruinen von Barmbek und wollte mit dem „Buch" beginnen. Da saß ich nun also in den Trümmern, mit Papier und Bleistift bewaffnet, und brachte nichts hervor, keinen Buchstaben. Um dann sehr rasch zu begreifen: Ich war für das Werk, so wie es mir vorschwebte, noch nicht reif. Wie denn auch? Saßen mir die zwölf Jahre nicht noch brühheiß in der Pelle? Ich hatte ja noch nicht einmal einen sicheren Titel, nur die Improvisation „das Buch". Ein Familien-, ein Sippenname sollte es sein. Aber noch nicht einmal den hatte ich. Doch was ich hatte, war die todsichere, unverrückbare Gewissheit: Geschrieben werden würde das „Buch", und zwar völlig unabhängig davon, ob es gedruckt werden würde oder nicht - geschrieben werden musste es!

                         
Dass es, von Januar 1942 an gerechnet, dann volle vierzig Jahre, bis zum Mai 1982, dauern würde (und ich an die sechzig Jahre alt werden musste), bis „Die Bertinis" im Frankfurter S. Fischer-Verlag herauskamen, und dass bis dahin kein Tag vergangen war, an dem ich nicht mit der Hand oder dem Kopf daran gearbeitet hätte - wie konnte der Zweiundzwanzigjährige das an diesem Sommertag des Jahres 1945 wissen... Ich habe dann, in den 50er Jahren, viele hundert Seiten geschrieben, aber dabei immer das Gefühl gehabt: „Es ist noch nicht so, wie du es haben willst..." Bis er dann, nächste Etappe, im Herbst 1961, also fast zwanzig Jahre nach dem nächtlichen Entschluss, plötzlich wie gestanzt vor meinem inneren Auge da war - der erste Satz des späteren Buches, so wie er darin steht, schlagt nach auf Seite 1 - er lautet:

                         
„Giacomo Bertini war fünf Jahre alt, als er beschloss, sein erbärmliches Geburtsnest Riesi im sizilianischen Regierungsbezirk Caltanisetta auf dem Rücken eines nachbarlichen Esels unabgemeldet zu verlassen - das Meer, Palermo, Musik."

                       
Womit ich, endlich, den lang gesuchten Beginn und meinen eigenen Stil gefunden hatte. Danach habe ich vierzehn Jahre lang kein einziges Wort geschrieben, wohl aber den Stoff solange und so gründlich immer wieder in mir umgewälzt, dass ich im Oktober 1975 auf den Stufen des griechischen Juno-Tempels im sizilianischen Agrigento mit der endgültigen Reinschrift begann. Und das Buch - nun längst „Die Bertinis" genannt - in fünfeinhalb Jahren bis März 1981 wortwörtlich so niederschrieb, wie Sie es vor sich haben, die ganzen 783 Seiten, ohne auch nur eine einzige gestalterische oder kompositorische Umstellung. Ein Jahr später, 1982 kam es dann heraus, begleitet von Heinrich Böll: „Ein Buch voller Weh, aber ohne Wehwehchen. Es hat gefehlt."

                       
Das also skizzenhaft zur Entstehungsgeschichte eines Buches, das nun siebzig von euch in der Hand halten, und das ein großer nationaler, internationaler und auch verfilmter Erfolg wurde. Ich habe seither viele andere Bücher geschrieben, die alle aus der Tiefe meiner Biographie kommen, und für die ich manche Auszeichnung erhalten habe, ohne hier in den Verdacht der Unbescheidenheit geraten zu wollen. Der „Bertini-Preis" aber ist das Glück meiner späten Tage. Womit ich nichts anderes sage, dass am heutigen 27. Januar 2008 ihr dieses Glück für mich ausmacht - ihr und eure Lehrerinnen und Lehrer, in den vergangenen neun Jahren oft genug der eigentliche Antrieb und die ausdauernde Kraft.

                         
Ich habe die Jahre des „Bertini-Preises" von 1998 bis 2006 noch einmal Revue passieren lassen. Wobei mir wieder, ganz wie heute, das Herz aufgegangen ist. Ob es sich um einen jüdischen Friedhof handelte, den von Jahr zu Jahr junge Menschen von weit her besuchen und pflegen; ob sich eine Haupt- und Realschule „Gegen rechts" stark machte, als eines der vielen Beispiele des Kampfes gegen Rechtsextremismus im Rahmen des Preises, ob eine Schülerin die Geschichte einer Sinti-Familie von sich aus mit der Akribie einer Doktorarbeit aufschrieb und dem einzig Überlebenden an die Orte des Entsetzens und des Todes folgte; ob es sich um ernsthafte Auseinandersetzungen mit der schwierigen Stellung der Frauen und Mädchen in Migrantenfamilien handelte oder ob Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit angeprangert wurde - jede einzelne Aktion ist mit großer Dankbarkeit und tiefem Respekt in meinem Gedächtnis geblieben.

                   
Was Wunder, dass der „Bertini-Preis" für mich so etwas wie eine biographische Krönung ist, ein unerwartetes Geschenk, das ihr mir macht, und über das ich in stillen Stunden heulen könnte. Sind die ganzen Mühen an dem Buch über die Jahrzehnte, ja über fast ein halbes Jahrhundert hin, schließlich doch aufgegangen, so dass ich mich mit Fug und Recht und neben allem Schweren, auch ein „ Glückskind" nennen darf. Dafür meinen Dank an euch.

                   
An Euch, die ihr in einer Welt lebt, und leben werdet, die in große Bewegung geraten ist, durch Menschenströme aus anderen Ländern und Kulturen, mit anderen Sitten, Gebräuchen und Traditionen, von denen auch wir, wie ihr wisst, berührt werden. Und woraus Probleme entstehen, die gelöst werden müssen. Seid dabei aktiv, helft mit, in der Erkenntnis, dass es zu Frieden und Gewaltlosigkeit keine Alternative gibt, dass wir liebevoll miteinander umgehen müssen, aber auch denen, die das stören wollen, egal von welcher Seite, die Zähne zeigen. Und dass wir uns selbst immer wieder kritisch prüfen, ob das, was wir wünschen und wollen, auch vertretbar ist. So wie ich immer wieder, bei allem, was ich tue, denke und schreibe, mich frage, ob es mit dem Geist des „Bertini-Preises" vereinbar sei. Und seien wir uns immer darüber bewusst, wem wir es zu verdanken haben, hier angstfrei miteinander sprechen zu können - der demokratischen Republik! Obwohl sie, wie alles von Menschen Gemachte, Mängel, Schwächen und Fehler hat, ist sie doch das Kostbarste, was wir zu verteidigen haben - eine schönere Aufgabe gibt es nicht.

                  
Zum Schluss: Ich hatte aus Anlass des 10. Jubiläums das Bedürfnis, an dieser Stelle all denen Dank zu sagen, denen er zukommt - also eine lange, lange Liste. Aber Freunde, die weiser sind als ich, haben mir davon abgeraten, weil, würde auch nur eine oder einer von ihnen unerwähnt bleiben, dies ein Fehltritt für alle sein würde. Das habe ich, wenn auch unter Murren, einsehen müssen. Dennoch lasse ich mich nicht daran hindern, zwei Ausnahmen zu machen: Isabella Vertes-Schütter, Prinzipalin des Ernst Deutsch Theaters, sozusagen die Mäzenin des Bertini-Preises, und Monika Schoeller, Chefin des Frankfurter S. Fischer Verlages, die uns von der ersten Verleihung an bis heute Hunderte und aber Hunderte Bertini-Bücher kostenlos zur Verfügung gestellt hat - beiden meinen Dank! All die Zwangsungenannten aber vom Kuratorium und der Jury biete ich als Äquivalent an, sich einmal virtuell in meine geöffneten Arme nehmen lassen, ob sie nun wollen oder nicht. Dass ich dabei nicht zuletzt die Sponsoren des „Bertini-Preises" ganz fest drücken werde, kündige ich schon einmal zwecks rechtzeitigen Atemholens prophylaktisch an.

                
Euch aber, Ihr Preisträgerinnen und Preisträger 2007, fordere ich auf, sich nicht auf Euren Lorbeeren auszuruhen, sondern weiterzumachen, und das in dem Geist, der Euch heute hierher gebracht hat.

                   
Und das natürlich unter jenem erprobten Motto, das auch das meines ganzen langen Lebens war, ist und bleiben wird:

„Laßt euch nicht einschüchtern!"



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(Änderungsdatum: 23.06.08)